Jemand hat mich gefragt welche Bücher ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wenn es nur drei sein dürften. Jetzt sitze ich vor einem Stapel und kann mich nicht entscheiden. Ja ich weiß, die Frage war hypothetisch und trotzdem bringt sie mich in Bedrängnis.

Gehe ich die Sache nun von der praktischen Seite an, dann wählte ich ein Buch zum Thema »Überleben in der Wildnis«. Also, wie baut man sich eine stabile Hütte, wie fängt man Fische, welche Früchte eignen sich zum Essen, wie baue ich ein Boot, und so weiter … Sie wissen schon! 

Andererseits kann ich ja nicht wissen auf welcher Insel ich stranden würde. Ergo ist für mich auch schwer abzuschätzen was mich auf so einer Insel erwarten würde. Was sie an Nahrung und Ressourcen zu bieten hätte und welche Gefahren mir begegnen würden. 

Vielleicht würde ich mich mit genau dem falschen Survival-Buch belasten? Vielleicht gäbe es, wie auf vielen Bildern von Schiffbrüchigen zu sehen ist, nur eine einzige kleine Palme und sonst nix? Dann wäre ich bestimmt froh gewesen, wenn ich Bücher mit Geschichten gewählt hätte. Dann hätte ich mir bis zu meiner Errettung oder was ich nicht hoffen wollen würde, bis zum bitteren Ende, wenigstens die Zeit verkürzen können. 

Die Frau Squenz hatte sofort eine Antwort auf diese Frage mit den drei Büchern: »Na Grimms Märchen natirlich! Wal die Gschichtn jo olle guat ausgehn, ah wauns no so vafoan aunfaungan. Do kennt i mid jeda Gschicht Hoffnung schepfn, dass i wieda wegkamat vun dera Insl.«¹

Was für eine bestechende Idee, dachte ich und holte meinen »Grimm« vom Bücherregal. Die Frau Squenz hat recht! Gleichgültig ob es Aschenputtel, Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen, Rapunzel, Hänsel und Gretel oder eine von den vielen anderen Geschichten ist – alle, alle nehmen sie ein gutes Ende. Zumindest in meiner Erinnerung.

»Apropo Rapunzel!«, unterbrach mich die Frau Squenz in meinen Überlegungen, »die Rapunzel woa jo praktisch ah joahrelaung allanig af ana Insel gfaungan. Oiso, i waß scho, in an Tuam. Owa die meiste Zeit woas eben mid si söwa allanig. Und bestimmt hod sa si ah irgendwie die Zeit vatreibm miassn.«²

Das ist wahr, dachte ich. Nur hatte ich einzuwenden, dass es ja noch die Besuche von der Hexe und später auch noch vom Prinzen gegeben hätte. Aber dazwischen – das wird im Märchen ja kaum erwähnt – war sie die ganze Zeit allein.

»I glaub des undaunkboaste is, wann ma nix zum tuan hod. Waunn ma iwahaupt goa ka Aufgob hod.«³ 

Die Frau Squenz hat ja ständig irgendetwas zu tun und wenn sie einmal wirklich weniger Arbeit hat, dann lässt sie sich für das Wenige umso mehr Zeit, hat sie mir erzählt.

Ich persönlich habe auch gerade viel zu tun. Aber es gibt schon auch Pausen in welchen ich einfach nur Musik höre oder lese, oder stricke oder auch nur über dies und das nachdenke oder auch völlig tatenlos in die Landschaft hinausschaue. 

Wenn ich mir aber vorstelle, dass mir nichts anderes mehr übrig bleibt als überhaupt gar nichts zu tun … die ganze Zeit über … das wäre mir mit der Zeit wirklich sehr, sehr langweilig. Ich mag mir das gar nicht vorstellen: Nichts womit ich mich beschäftigen kann, niemand mit dem ich mich unterhalten kann und ich auch nirgendwo hingehen kann, weil die Insel zu klein ist, das wäre schon eine große Herausforderung. Deshalb sagt man wahrscheinlich auch, dass Langeweile tödlich ist.

Auf jeden Fall werde ich es der Frau Squenz gleichtun und als erstes Grimms Märchen für die Insel einpacken. 

Auf die Frage nach dem zweiten Buch kam die Antwort der Frau Squenz wie aus der Pistole geschossen: »Na den Schäggsbia natirlich! Wal den seine Gschichtn san ned nur spaunnend sondan a so richtig ausm wirklichen Lebm griffn. Und aussadem kennt i a in a jede Figur schlipfn. Oiso so tuan als ob i die Ophelia, oda die Titania warad. Owa genauso guad kennt i je noch Laune da Macbeth, da Petruchio oda da Prospero sein. Da Prospere is jo a af ana Insel glaundet. Wer waß vielleicht tät ma des jo höfn?«⁴

Oja, so einen Zauber wie jenen vom dienstbaren Luftgeist Ariel könnte man auf so einer vermaledeiten Insel schon gebrauchen, pflichtete ich der Frau Squenz bei. Da ich aber weder an Hexen noch an Zauberei glauben kann, bliebe mir nur noch das Wunder und vor allem ein geeigneter Zeitvertreib. Shakespeares gesammelte Werke wären auf jeden Fall ein geeignetes Mittel, da stimmte ich der Frau Squenz vollinhaltlich zu.

Mit ihrem letzten Vorschlag hatte ich allerdings so meine Zweifel. Sie muss das an meinem skeptischen Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn sie meinte dazu: »Wieso ned? Do kennt i mi mitm Finga auf da Laundkortn iwaroll hinwinschn. Und Sie wissn scho, waunn ma si gaunz deitlich und mitm gaunzen Herzn wos wünscht, daunn gehts maunchmol in Erfüllung. Mir is zumindest scho öfta so gaungan.«⁵

Einen Weltatlas auf die Insel mitzuschleppen wäre mir nun im Leben nicht eingefallen. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil die Geografiestunden in der Schule zum Langweiligsten gehört haben was ich so erlebt habe. Aber ich kann nicht ganz von der Hand weisen, dass so ein Atlas auf einer einsamen Insel aus Sicht der Frau Squenz einen gewissen Wert hätte. Zumindest könnte ich dann versuchen diese verdammte Insel inmitten des weiten Ozeans auf der Landkarte ausfindig zu machen. Denn wenn man irgendwohin will, muss man ja erst einmal wissen wo man gerade ist, nicht wahr?

Aber vielleicht haben Sie ja noch eine bessere Idee. Welche drei Bücher würden Ihnen auf einer Insel das Leben retten?

Kleine Insel mit Palme im Meer

Übersetzungen:

¹»Na Grimms Märchen natürlich! Weil die Geschichten ja alle gut ausgehen, auch wenn sie noch so verfahren anfangen. Da könnte ich mit jeder Geschichte Hoffnung schöpfen, dass ich wieder weg käme von dieser Insel.«

²»Die Rapunzel war ja praktisch auch jahrelang allein auf einer Insel gefangen. Also, ich weiß schon, in einem Turm. Aber die meiste Zeit war sie eben mit sich selbst ganz allein. Und bestimmt hat sie sich auch irgendwie die Zeit vertreiben müssen.«

³»Ich glaube, das undankbarste ist es, wenn man nichts zu tun hat. Wenn man überhaupt gar keine Aufgabe hat.«

⁴»Na den Shakespeare natürlich! Denn seine Geschichten sind nicht nur spannend, sondern auch so richtig aus dem wirklichen Leben gegriffen. Und außerdem könnte ich so in jede Figur schlüpfen. Also so tun als ob ich die Ophelia, oder die Titania wäre. Aber genauso gut könnte ich je nach Laune der Macbeth, der Petruchio oder der Prospero sein. Der Prospero ist ja auch auf einer Insel gelandet. Wer weiß, vielleicht würde mir das ja helfen?«

⁵»Wieso nicht? Da könnte ich mich mit dem Finger auf der Landkarte überall hinwünschen. Und Sie wissen schon, wenn man sich etwas ganz deutlich und mit dem ganzen Herzen wünscht, dann geht es manchmal in Erfüllung. Mir ist es zumindest schon öfters so gegangen.«