Es gibt Momente, da bin ich sehr gern in Gesellschaft und andere, in welchen ich es geradezu genieße allein zu sein. Wenn ich zum Beispiel einen ganzen Schreibtag für mich allein habe. Niemand der etwas von mir will, niemand der auf Essen wartet, niemand der die Stille um mich herum stört. Ab und zu ist das einfach göttlich. 

Dann kann ich mir den Tag nach Lust und Laune einteilen, kann kochen und essen was und wann ich will und muss auch niemand Bescheid sagen, wenn ich weggehen will bzw. wann und wie lange ich ausbleibe. Wahrscheinlich verstehen Sie das insbesondere dann, wenn Sie eine Frau sind und Familie haben. Stimmt’s?

Aber ich bin auch gerne mit meiner Familie zusammen, treffe Freunde oder lerne neue Menschen kennen. Es stellt sich dabei halt immer die Frage was gerade möglich ist. Gemeinsam oder Einsam? Obwohl, es muss ja nicht gleich einsam sein. 

Die Frau Squenz zum Beispiel lebt zwar allein aber einsam scheint sie mir nicht zu sein.

»Waunn ma wos ztuan hod is ma ned einsaum«¹, hat sie gemeint. 

Na ja, dachte ich, das kann schon sein, dass auch Langeweile der Grund für Einsamkeit sein kann. Also, dass jemand einsam ist, weil sie oder er nichts mit sich anzufangen weiß. Und weil dann auch niemand da ist, der diese Langeweile stört. 

»Da Bua vun da Reingard zum Beispü«, unterbricht mich die Frau Squenz in meinen Überlegungen, »der woa mid nix aundam beschäftigt ois wia mid da Schul. Ned, dass a ned gern wos aundas gmochd hätt. Owa fia die Reingard woan jo die Notn des ollawichtigste. Und wiara vun da Schul daunn draußn woa, hod eam iwahaupt goa nix mehr intressiert. Und wos daunn aus eam woan is … naaa … so a liawa Bua woa des … owa daunn … na jo.«²

Also ich kenne ja weder die Frau Reingard noch ihren Sohn, aber ich kann mir schon vorstellen, dass man sich ziemlich einsam fühlen kann, wenn man nur mit guten Noten eine Existenzberechtigung haben kann. Also als Kind, meine ich.

Das Gefühl von Einsamkeit kommt also wahrscheinlich daher, dass man Jemand oder Etwas vermisst, denke ich laut und die Frau Squenz darauf: »Oda si söwa. Mia hobm zum Beispü vü Zeit zum Spüln ghobd. Mid die aundan Kinda owa allanig ah maunchmoi. Do mochd ma Bekaunntschoft mid si söwa. Des is daunn späta gaunz praktisch, wal ma daunn waß wos ma wirkli brauchd.«³

Da ist etwas dran, dachte ich. Wenn ich mich einsam fühle, also nur dieses Gefühl spüren kann, aber keine Ahnung habe warum ich mich so fühle, dann habe ich ja gar keine Idee was ich dagegen unternehmen kann. Dann mache ich vielleicht sogar andere für mein Gefühl verantwortlich. Also als Erwachsene natürlich. Kinder haben es ungleich schwerer mit den Gefühlen, die sind ja erst im Lernen. 

Die Frau Squenz aber scheint sich nicht einsam zu fühlen, ich habe noch einmal nachgefragt.

»Na jo, maunchmoi is ma scho a bissl einsaum, owa nią laung. Wal daunn geh i aussi, oda moch a bissl a Musik oda i geh in Woid in die Natur aussi oda i schreib an Briaf an a Freindin oda i geh die Kiah streichln oda zua Nochboarin a Kaffeetütn huiln oda die Heana beobochtn oda mid da Reingard Mensch ärgere dich nicht spün oda …«⁴

Die Frau Squenz wusste noch einige weitere »Oder …« aber ich ging dann mit einem freundlichen Nicken, weil ich mir sicher war, dass sie lieber allein darüber nachdenken wollte was sie gegen Einsamkeitsgefühle tut.

Ich jedenfalls, fühle mich viel weniger einsam, seit ich weiß aus welchem Grund ich mich so fühlen kann. Aus mangelnder Gesellschaft oder Ansprache, aus nicht wahrgenommen werden, aus Langeweile usw. sie wissen schon. Was mir dann wirklich hilft ist jemand, der mir zuhört – also wenn es die erstgenannten Gründe sind, denn gegen Langeweile kann ich ja selbst etwas unternehmen.

Im anderen Fall hilft bestimmt ein ernstgemeintes: »Wie geht es Dir?« Und die Frau Squenz würde das bestimmt genauso sehen, nicht wahr?

Offene Tür in den Garten

Übersetzung:

¹ »Wenn man etwas zu tun hat ist man nicht einsam.«

² »Der Sohn von der Reingard war zum Beispiel mit nichts anderem beschäftigt als mit der Schule. Nicht, dass er nicht gern auch etwas anderes gemacht hätte. Aber für die Reingard waren die Noten das Allerwichtigste. Und als er von der Schule draußen war, hat ihn überhaupt gar nichts mehr interessiert. Und was dann aus ihm geworden ist … nein … so ein lieber Bub war das … aber dann … na ja.«

³ »Oder sich selbst. Wir hatten zum Beispiel viel Zeit zum Spielen. Mit anderen Kindern aber auch manchmal allein. Da macht man Bekanntschaft mit sich selbst. Das ist dann später ganz praktisch, weil man dann weiß was man wirklich braucht.«

⁴ »Na ja, manchmal ist es schon ein bisschen einsam, aber nie lange. Denn dann gehe ich hinaus, oder mache ein wenig Musik oder ich gehe in den Wald in die Natur hinaus oder ich schreibe einen Brief an eine Freundin oder ich gehe die Kühe streicheln oder zur Nachbarin eine Kaffeetüte holen oder die Hühner beobachten oder mit der Reingard Mensch-ärgere-dich-nicht spielen oder …«