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Ich bin noch nie zu spät gekommen – hatte Resi ihrer Nachbarin, der Erlenbacherin, noch am Nachmittag an den Kopf geworfen. Jetzt saß sie beim Tisch vor dem Herrgottswinkel und wartete. Die alte Pendeluhr tickte und hob den Minutenzeiger Millimeter für Millimeter auf die Zwölf zu. In zwei Minuten würde es etwa einundzwanzig Uhr sein. Aber das konnte man bei dieser eigenwilligen Uhr nie so ganz genau sagen. Denn manchmal brauchte der lange Zeiger zur oberen Senkrechte etwas länger als dreißig Minuten. Dann war es so weit – der Zeiger hatte den höchsten Punkt erreicht. Einundzwanzig Uhr.

Den Blick auf das runde Zifferblatt geheftet, wartete Resi auf den Moment der Überschreitung des Zeigers in der oberen Mitte, denn seit Jahren wusste sie, was nun kommen würde. Ein kaum wahrnehmbares Klicken kam vom Uhrwerk, als der Zeiger auch schon auf die Sechs hinunter fiel und dort auf den Aufstieg zur nächsten vollen Stunde wartete.
„Na, du hast schon deinen eigenen Humor.“, nickte sie der Uhr zu, „Gott sei dank, muss ich mich nicht auf dich allein verlassen, sonst wär ich nämlich schon verlassen.“ Dann wandte sie den Kopf dem offenen Fenster zu. Es war Herbst und kalte Nachtluft strömte herein. Aber das machte Resi nichts aus, denn sie hatte sich bereits einen Wollrock, darunter zwei lange Unterhosen, die Wollstrümpfe und ihre Winterjacke angezogen. Geduldig klopfte sie mit den Fingerspitzen einen nur ihr bekannten Rhythmus auf die Tischplatte.

Der Bürgermeister wird sich noch wundern, dachte sie. Aber vielleicht auch nicht, hoffte sie. Enteignet hatte er sie, wegen dieser idiotischen Straße die zur neuen Siedlung führen sollte. Fünfzig Quadratmeter von ihrer Wiese hinter dem Obstgarten einfach weg. Zu asphaltiert. Obwohl gegenüber ja die weitläufigen Wiesen des Bürgermeisters lagen, sah der Plan vor, dass der fehlende Meter für die Straßenbreite natürlich von ihrem Grundstück kommen sollte. Das konnte sie doch nicht zulassen!
Heute nachmittag hatte sie deshalb einen Kaffeeplausch mit ihrer Nachbarin, die ebenfalls ein Stück ihres Gartens verlieren sollte. Genau über jene Stelle, wo sie vor einem dreiviertel Jahr einen neuen Apfelbaum gepflanzt hatte. Diesen Apfelbaum hatten sie deshalb gemeinsam ausgegraben und zwei Meter weiter hinten wieder eingepflanzt. Und dabei haben Resi und die Erlenbacherin diesen anderen Plan ausgearbeitet. Denn alles was Recht ist… sagten sich die beiden Frauen.

Den ganzen Tag über waren die Vermesser da gewesen. In den beiden Gärten sind sie herum gestiefelt und hatten schließlich ihre orangen Stangen in den Boden geschlagen. Morgen in aller Herrgottsfrühe sollte der Bagger anrücken. Heute nacht war also die letzte Möglichkeit für Gerechtigkeit zu sorgen.
Ein hohles Kratzen und Rasseln vom nahen Kirchturm riss Resi aus ihren Gedanken. Sie reckte ihren Oberkörper dem vertrauten Geräusch entgegen und lauschte. Dann erklangen neun Schläge von der Kirchturmuhr und Resi stand auf. Sie wusste, dass die Turmuhr immer um fünf Minuten voraus ging, also würde sie pünktlich an der Grundstücksgrenze sein. Sie nahm die Taschenlampe – wer weiß ob die Erlenbacherin daran denken würde – schulterte den großen Fünf-Kilo-Hammer und verließ das Haus.

Am anderen Ende des Obstgartens traf sie auf die Nachbarin. Beseelt davon ihre Wiesen zu retten, gingen die beiden Frauen ans Werk. Sie hatten schon etwas Mühe die Pflöcke aus der Erde zu ziehen und einen Meter weiter in Richtung der Grundstücksgrenze des Bürgermeisters wieder einzuschlagen. Aber sie waren es ein Leben lang gewohnt hart zuzupacken.
Schließlich, es ging auf dreiundzwanzig Uhr zu, schlugen sie die letzte Stange ein.
„Das hätten wir geschafft“, sagte Resi zufrieden.
„Hoffentlich kommt uns keiner dahinter“, entgegnete die Erlenbacherin.
„Hoffen wir das Beste“ grinste Resi. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Komplizin und machte sich zufrieden auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen stand sie am Fenster und sah in der Ferne den Bautrupp samt Bagger anrücken. Mittendrin der Mercedes des Bürgermeisters. Er parkte seinen Wagen in der Wiese und verständigte sich mit dem Bauleiter, während er mit seinen Armen herumfuchtelte.
„Ja ja, mach dich nur wichtig.“, sagte Resi gelassen.
Dann setzte sich ein Arbeiter in den Bagger und ließ die Schaufel sinken.
„Jetzt wird’s spannend.“, bemerkte Resi. Knirschend setzte sich die Maschine zwischen den Markierungsstangen in Bewegung und riss eine Schneise in den Wiesengrund.
„Sehr brav!“ Resi ließ das Fernglas sinken und verschränkte zufrieden die Arme.