Wer kennt sie nicht, diese viel benutzten oder verinnerlichten Glaubenssätze: 

Ohne Fleiß kein Preis, sei zufrieden mit dem was du hast, wer hoch hinaus will fällt tief, was Hänschen nicht lernt … und so weiter. Allesamt lauern sie in unbenannten Tiefen des Bewusstseins und steigen bei passender Gelegenheit wie die Blasen eines Moorsees an die Oberfläche um dort ihr beschneidendes Gift freizugeben. 

Ich kenne das. In allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen und beim Schreiben natürlich. Manchmal erkenne ich sie und denke »Aha, du schon wieder!« Über andere ärgere ich mich, weil ich spüre, dass sie meine wahren Möglichkeiten einschränken. Aber wirklich niederträchtig sind jene, die ich noch nicht erkannt habe. Die in meinem Unterbewusstsein das Leben eines verdeckten Ermittlers führen. Im Geheimen meine Pläne, Ziele, Wünsche und Träume torpedieren. Ich bin sicher Sie kennen das auch. 

Die Frau Squenz hat mir dazu gleich eine Geschichte erzählt. Von der Reingard und ihrem Sohn, dem Ernstl. Demnach hat die ihm schon seit seiner frühen Kindheit vorgebetet: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – zuerst die Pflicht, dann das Vergnügen – und als Gipfelpunkt der Interpretation: Du bist nicht dumm, sondern nur faul. 

Natürlich war ich neugierig was aus diesem Ernstl geworden ist. »Na jo« hat die Frau Squenz den Kopf geschüttelt »do red ma liawa ned«¹ und wischte mit ihrer Hand über ihre Schürze, als ob dort eine ganze Heerschar Brösel wäre. 

Schade, dachte ich, denn solche Lebensgeschichten sind ja ergiebige Beispiele für die Figurenentwicklung. Diese Einblicke in ein Kindheitserleben, garniert mit prägenden Glaubenssätzen und die in der Folge einen Lebensweg pflastern. Dabei muss man nicht einmal mehr die allseits bekannten Sätze bemühen, denn man erkennt sie schon an der Musik eines oder weniger Worte, nicht wahr?

Kaum aber hatte ich bedauert um eine weitere Lebensgeschichte bereichert zu werden, fuhr die Frau Squenz fort: »Owa es is jo ka Wunda. Die Reingard is jo söwa mid suiche Sätze aufgwochsn. Bescheidenheit is a Zier zum Beispü. Dabei tuat sie nur so. Oda: sei zfriedn mid dem wosd hosd – i hob ehrlich gsog no nia an unzufriedanaran Menschn kennan glernt wia die Reingard.«² Dabei goss sie heisses Wasser in die Kaffeetüte, die sie immer von einer Nachbarin bekam. Der zweite Aufguss sozusagen. Fast wie bei den Glaubenssätzen. Im Unterschied dazu wird der Kaffee aber immer dünner. Ich persönlich trinke ja keinen Kaffee sondern eher Tee. Die Frau Squenz weiß das schon, deshalb hat sie mir auch keinen angeboten. Während ich darüber nachdachte welcher Glaubenssatz wohl zur Sparsamkeit der Frau Squenz passen würde – Spare in der Zeit so hast du in der Not vielleicht – redete sie auch schon weiter:

»Maunchmoi kummd ma vur, dei Frau besteht iwahaupt nur aus Glaubnssätze.«³ 

Der Kaffee tropfte in ihr Häferl das den Spruch zierte: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Schon wieder ein Glaubenssatz dachte ich, der andere Möglichkeiten ausschloss. Warum zum … sollte denn der späte Vogel verhungern, nur weil er davor anderes zu tun hatte, als nach Würmern zu suchen? 

»Wissns, die Reingard kaunn jo goa nix dazöhn, ohne dass ned mindestens ans vun denan Sprüchaln dabei is.«⁴ Sie entsorgte die Filtertüte endgültig in den Komposteimer, nahm ihre sinnig beschriftete Kaffeetasse und setzte sich wieder an den Tisch. Dann zählte sie die Standardsätze der Frau Reingard auf: Es ist nicht alles Gold was glänzt, Glück kann man nicht kaufen, wer zu spät kommt den straft das Leben und Ordnung ist das halbe Leben. Wobei sie anmerkte, dass der letzte Spruch noch am besten zur Reingard passen würde, denn sie sei mit oder ohne Gold nicht glücklich gewesen und obwohl sie immer sehr pünktlich war, hätte sie das Leben trotzdem gestraft. Da hätte ihr auch der Lieblingssatz: wenn du dich nur ordentlich anstrengst kannst du alles erreichen, nicht geholfen. Denn angestrengt hätte sie sich über die Maßen und herausgekommen wäre dabei so gut wie nichts. 

Abschließend hat mir die Frau Squenz aber ihren persönlichen Leitsatz verraten. Und den hänge ich mir jetzt auch über den Spiegel: »I bin guad so wia i bin!«⁵

Kaffeetasse mit Filtertüte

Übersetzungen:

¹»da reden wir lieber nicht.«

²»Aber es ist ja kein Wunder. Die Reingard ist ja selbst mit solchen Sätzen aufgewachsen. Bescheidenheit ist eine Zier zum Beispiel. Dabei tut sie nur so. Oder: sei zufrieden mit dem was du hast – ich habe ehrlich gesagt noch nie einen unzufriedeneren Menschen kennen gelernt als die Reingard.«

³»Manchmal kommt es mir vor, die Frau besteht überhaupt nur aus Glaubenssätzen.«

⁴»Wissen Sie, die Reingard kann ja gar nichts erzählen, ohne dass nicht mindestens eines von diesen Sprüchen dabei ist.«

⁵»Ich bin gut so wie ich bin!«