So ein Start in ein neues Jahr ist wie ein Aufbruch ins Unbekannte. Eine Reise in eine neue Welt. Die Koffer sind also gepackt. Was drin ist? 

Meine Erfahrungen aus den vorangegangenen Jahren, Erkenntnisse daraus, Wünsche natürlich, Pläne, Aufbruchstimmung, Bedachtsamkeit, Mut, Freude, ein bisschen Aufregung – wie das so ist, wenn ich neuerlich losgehe. Wunderbarerweise habe ich Rückschau gehalten um das alles einpacken zu können. 

Was ich mir nun vom abgelaufenen Jahr mitnehme, ist mehr denn je meiner Intention zu folgen. Die Spur meiner Begeisterung nicht aus den Augen verlieren. Dem was mich lebendig macht und hält nachzugehen. Mich nicht ablenken lassen von diesem oder jenem Angebot, das mehr verspricht als ich mir gewünscht hätte. Einmal mehr abwägen, ist es das was mich wirklich weiterbringt, brauche ich es überhaupt? 

Mich auch nicht aufhalten lassen von diesen inneren Einwand-Stimmen. 

Gäbe es sonst meine Geschichten? Nein! Hätte ich jede Woche einen Blogartikel mit und über die Frau Squenz geschrieben? Nein! Hätte ich eine Kurzgeschichte für einen Wettbewerb geschrieben und sogar abgeschickt? Auch nein! Und gäbe es die Feiertags-Videos  der Frau Squenz die mir und Ihnen und vielen anderen soviel Spaß machen? Schon wieder nein!

Die Frau Squenz sagt das auch: »Es is gscheida, dass ma afoch aunfaungd. Sunsd kaunns nämlich sein, dass ma wos schens vapasst.«¹

Ich weiß ja genau worauf die Frau Squenz damit anspielt. Als ich sie nämlich bei meiner Lesung in Puchberg losgeschickt habe, endlich zu ihrer Traumreise aufzubrechen, war sie fast ein bisschen eingeschnappt. Ja gut, ich habe sie damit überrascht, sie überrumpelt, sie war vollkommen unvorbereitet. Aber sind wir doch ehrlich – wann ist man für eine große Reise schon wirklich vorbereitet? Unterwegs kann so viel Unerwartetes passieren. Deshalb sagt man wahrscheinlich auch, dass Reisen bildet. Auch die Frau Squenz hat eine ganze Menge auf ihrer Reise gelernt, das sie sich zuvor so nicht hätte vorstellen können. 

»Dass i ma ah a Regenhaut einsteckn hätt sulln. Wal waunn ma in Südn foahrt, haßd des ned automatisch, dass ned noss werdn kuntad.«²

Ja gut, das hätte ich ihr auch sagen können. Sie sehen, die Frau Squenz hat im Reisen wohl noch weniger Erfahrung als ich. Andererseits hätte ich es mir sparen können das Gelsenspray in ihren Rucksack zu packen. Denn erstens gibt es in dieser Jahreszeit im Vogelparadies sowieso kaum Stechmücken und zweitens hat die Frau Squenz zu diesem Zweck ihre eigenes Geheimrezept. Was ich mir deshalb aus dieser Erfahrung mitnehme: Versuche nicht jemand etwas auf’s Auge zu drücken, sondern frage vorher.

Froh bin ich aber schon, dass ich die Frau Squenz bezüglich der Reisebereitschaft nicht gefragt habe. Ganz bestimmt hätte sie jede Menge Einwände und Ausreden geltend gemacht und mir weiterhin vorgeschwärmt wie schön so eine Reise wohl wäre. Viel besser ist es doch, wenn sie jetzt mit verklärtem Blick von ihren Reiseerlebnissen erzählt, oder?

»Am schenstn woan di vüln schenan Vegl. Jeden Tog sama mit an Schinagl zu an neichn Plotz hingfoahn. So schene Veglbüda. So vüle schene Erinnerungen. Des reicht fia a gaunzes Lebm.«³

Bilder, Geschichten, Erlebnisse, Erinnerungen – das hätte sie alles nicht, die Frau Squenz, wenn ich sie nicht losgeschickt hätte. Ehrlich gesagt habe ich mich schon etwas gewundert, dass sie tatsächlich aufgebrochen ist, damals im Oktober. Normalerweise lässt sie sich von mir nicht so leicht herumdirigieren. 

Obwohl…  manchmal bin ich mir gar nicht so sicher ob sie wirklich dort war. Also am schwarzen Meer, im Vogelparadies. Wenn sie nämlich von ihrer Reise erzählt, klingt das fast genau so, wie ihre Wunschträume von früher. 

Wenn ich es mir genau überlege frage ich mich, wie sie das mit der Flussfahrt gemacht hat. Also in Bruck an der Mur auf ein Schiff steigen und dann über die Drau und die Donau bis zum schwarzen Meer fahren. Ich habe noch nie gehört, dass in Bruck an der Mur irgendein Linienschiff oder Frachter anlegt. Auch in Graz habe ich noch nie ein Passagierschiff gesehen. Die zwei einzigen Passagierdampfer ›Graz’ und ›Styria’ sind nämlich Ende des 19. Jahrhunderts nach kurzer Ausflugs-Freude an einer Brücke über die Mur zerschellt. Deshalb sieht man außer der künstlichen Murinsel in Graz höchstens Kajaks und Ruderboote und weiter unten, knapp an der Grenze zu Slovenien, die Schiffsmühle auf der Mur schwimmen. Das können Sie mir ruhig glauben, schließlich habe ich ziemlich lange dort gelebt. 

Aber gut, wer weiß was der Frau Squenz eingefallen ist. Um Problemlösungen ist sie ja sonst auch nicht verlegen. Trotzdem habe ich sie ganz explizit gefragt: »Wie war denn nun die Fahrt auf dem Schiff?« 

Sie hat mich ganz überrascht angesehen, so als ob das eine sehr abwegige Frage wäre und meinte: »Na jo, a bissl laungwalig woa des. Ma glaubad jo goa ned wia laungsaum so a Schiff flussobwärts weidakummt. Und zruck, oiso flussaufwärts hods no amoi vü länga dauad. Owa do hob i mehr Geduld ghobd, wal i die gaunzn schenan Büda im Kopf ghobd hob.«⁴ Meine Fragen zu Details dieser Schiffsreise hat sie aber mit der Bemerkung »Des is jo ned so intressant«⁵ abgetan. 

Ob die Frau Squenz nun dort war am schwarzen Meer oder nicht, auf jeden Fall denke ich, wenn ich vorankommen will sollte ich wohl besser flussabwärts reisen und nicht gegen den Strom schwimmen. Und egal ob es um echte Erlebnisse oder nur um Kopfkino geht, Hauptsache man bricht auf, finde ich. Oder? Was meinen Sie?

Personenschiff gezeichnet

Übersetzungen:

¹»Es ist besser, wenn man einfach anfängt. Sonst kann es nämlich sein, dass man etwas Schönes verpasst.«

²»Dass ich mir die Regenhaut hätte einstecken sollen. Denn wenn man in den Süden fährt, heißt das nicht automatisch, dass es nicht nass werden könnte.«

³»Am schönsten waren die vielen schönen Vögel. Jeden Tag sind wir mit einem Boot zu einem neuen Platz hingefahren. So schöne Vogelbilder. So viele schöne Erinnerungen. Das reicht für ein ganzes Leben.«

⁴»Na ja, ein bisschen langweilig war das. Man glaubt ja gar nicht wie langsam so ein Schiff flussabwärts weiter kommt. Und zurück, also flussaufwärts hat es noch einmal viel länger gedauert. Aber da hatte ich mehr Geduld, weil ich die ganzen schönen Bilder im Kopf hatte.«

⁵»Das ist ja nicht so interessant.«