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Es war durchaus nicht die erste antike Vase die sie ausgegraben hatte. Viele davon waren ganz oder teilweise zerbrochen und sie musste sie in mühevoller Kleinarbeit zusammen puzzeln, um das große Ganze zu sehen. Die meisten waren auch relativ schmucklose Tongefäße, mit und ohne Henkel, oft dickbauchig mit schlankem Hals. Manche hatten das übliche spitze Ende, andere einen flachen Boden. Nur wenige waren kunstvoll bemalt gewesen, mit Kriegern, Wagen, Pferden und Festgelagen. Und obwohl sie jede für sich wunderschön und einzigartig fand, wusste sie gleich, diese hier war etwas ganz besonderes. 

Vor allem war sie unbeschädigt. Ein kugelrundes Gefäß mit flachem Boden und zwei angedeuteten Handgriffen stand vor ihr. Die Öffnung war neben der seltsamen Bemalung wohl das geheimnisvollste, denn sie war mit einer Art Harz versiegelt. Die schwarz-rote Bemalung war relativ einfach – Striche, Zacken, Linien und das typisch griechisch-eckige Mäandermuster am unteren und oberen Rand der Vase. Dazwischen aber, geheimnisvolle Zeichen und kugelförmige Figuren, die weder Schrift noch Lebewesen zu sein schienen. Irgendwie nicht von dieser Welt, dachte sie.

Das Alter des Gefäßes wurde auf etwa 400 – 300 v. Chr. geschätzt und am aufregendsten daran fand sie: dieses Ding war gefüllt. Es musste etwas trockenes sein, sandartiges. Denn wenn sie die Vase bewegte, rieselte es von einer Seite zur anderen. Eines war gewiss, um die „Geschichte“, das Geheimnis dieses Gefäßes aufzudecken, brauchte es weitere Experten.

Wochen später saß sie mit einer Kollegin vor der Vase, die sich mit antiken Mythen und Schamanismus befasste: 

„Also wir denken, dass dies hier schamanische Schutzzeichen sind“ begann sie und zeigte auf die Rauten, Kreuze, Kreise und blütenförmigen Gebilde. Dann drehte sie das Gefäß, bis eines der kugelförmigen Wesen ins Blickfeld rückte. 

„Das hier“ fuhr sie mit zunehmender Begeisterung fort „weist auf einen alten Mythos der Kugelmenschen hin.“ Sie stellte das Gefäß behutsam auf den Tisch und schob ein Reagenzglas mit weiss- rotgesprenkeltem Sand daneben hin. 

„Und das hier ist wohl das bemerkenswerteste“ sagte sie und legte ihre Hände um das Glas, wie um ein kostbares Juwel. 

„Wir haben den Sand untersucht und im Grunde nichts besonderes gefunden. Also Quarz, Minerale, Karbonate und Bestandteile von Kiefern und Käfern.“ Wieder machte sie eine kunstvolle Pause.

„Aber dann kam uns der Zufall zu Hilfe. Wir haben da ein lange verheiratetes Paar im Institut, das zufälligerweise bei uns im Labor war, als ein Assistent die Petrischale mit etwas von diesem Sand verschüttete. Akkurat auf die beiden Besucher. Und jetzt wissen wir, warum dieses Paar schon so lange erfolgreich zusammen lebt. Warum sie sich noch immer so verbunden fühlen.“ Sie lachte verschwörerisch.

„Als der Sand nämlich die beiden berührte, leuchtete ihre Aura auf, umschloss sie kugelförmig, rotorange glühend, wie die untergehende Sonne. Wir haben es dann natürlich mit anderen Paaren getestet. Bei den meisten zeigte sich ein anderes Bild. Nämlich zwei getrennte Auren, in den verschiedensten Farben. Nur bei einem weiteren, jungen Paar, gab es den gleichen Effekt wie beim Ersten. Was schließen wir also daraus? Es handelt sich wohl um die Zutat zu einer Art schamanischem Orakel. Wir vermuten deshalb, ein Ritual für Paare, die einen Blick in ihre gemeinsame Zukunft werfen wollten.“

Natürlich gab es weitere Untersuchungen des mystischen Sandes. Aber das Geheimnis seiner Zusammensetzung und Wirkungsweise blieb verborgen. Das Gefäß und sein Inhalt fanden schließlich einen sicheren Platz im Keller des Instituts, um Missbrauch und Geschäftemacherei vorzubeugen.

Aber irgendwo im Institut musste wohl eine Sicherheitslücke gewesen sein, denn kurz darauf, wurde ein teures Heiratsinstitut mit einer erstaunlich hohen Erfolgsquote populär.