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Das Heft eines Schülers aus dem Chemieunterricht liegt vor mir. Er mag zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Und ich erinnere mich dabei an meine eigenen Schulhefte. Stets waren sie gewissenhaft, fast könnte man sagen liebevoll, begonnen. Aber bei aller Mühe zu Schrift, Inhalt, Struktur und Sorgfalt oder kurz gesagt, Schönheit des Anblicks, reichte es nie für ein „sehr gut“ oder „großartig“.

Es blieb mir auch immer ein Rätsel, was dieses „sehr gut“ aus der Feder eines Lehrers herauslocken könnte. War es eine ebenmäßige Handschrift? Ich versuchte wie gedruckt zu schreiben. Oder ausführlichere Beschreibungen? Lag es an Flüchtigkeitsfehlern?

Im Heft des Schülers, finde ich eine sehr detailreiche Zeichnung, samt erklärender Beschriftung über die Arbeitsschritte in einer Zuckerrübenfabrik. Alles ist so gut beschrieben, als wäre ich auch dort gewesen.
Ich höre den Traktor, der die Zuckerrüben mit dumpfem Rumpeln ablädt. Wie die Früchte direkt in den Schwemmkanal platschen und dann sauber gewaschen in einem Zwei-Mann-großen Tank zerhäckselt werden. Schliesslich wird in den weiteren Stationen aus den Rübenschnitzeln die Zuckerlösung, der Sirup und am Ende der Würfelzucker hergestellt.

Ich glaube in einem Lehrbuch hätte der Vorgang nicht besser dargestellt werden können. Alles ist haarklein aufgezeichnet und beschriftet. Und was steht nun mit Rotstift darunter? Etwa „sehr gut“, „großartig“ oder „ausgezeichnet beschrieben“?

„Bemüht“ lese ich da. Ja wirklich „bemüht“ mit Rufzeichen. Und ich bemerke, wie ich für diesen Jungen Partei ergreife. Diesen Jungen, der sich so viel Mühe gemacht hatte. Sicher auch in der Hoffnung, mit seiner Arbeit zu gefallen. Anerkennung zu finden für seine aussergewöhnliche Mühe. Und ich denke, dieser Junge hat sich mehr als nur „bemüht“.
Sicher hat er sich Gedanken gemacht, wie er alles so deutlich wie möglich machen kann. Ganz bestimmt hat er alle Teile des Prozesses durchdacht. Und gewiss hat er für diese Zeichnung auch eine Menge Zeit aufgewendet.

Selbst wenn er die Vorgänge aus einem Buch abgezeichnet hätte, wäre er dafür ausdauernd an seinem Tisch gesessen um die Zeichnung so perfekt in das Heft zu übertragen. Zeit, in welcher er auch Radfahren, lesen, Fußball spielen, faulenzen oder sonst einer Lieblingsbeschäftigung hätte nachgehen können. Aber am Ende aller Bemühungen des Jungen steht in roter Schrift „bemüht!“

Kein Wunder, denke ich, dass die nachfolgenden Seiten immer weniger ausführlich sind. Dass die Schrift immer flüchtiger, gezwungener wird. Konsequenterweise finde ich am Ende der Aufzeichnungen wieder einen Eintrag mit rotem Stift: „Schluderhaft, unleserlich, faul!“

Und vor den restlichen Seiten, in etwa der Mitte des Heftes sehe ich nur noch eine kurze Mitschrift des Schülers. Ich sehe die Zeichnung eines Verkehrsschildes mit einer Notiz daneben: „In der Kurfe nicht überhohlen“.
Das Wort Kurfe mit raschem Strich ausgebessert aber das überflüssige h in „überhohlen“ hat die Rotstift-führende Hand übersehen.
Im Fehlersuchen offenbar auch nicht ohne Fehl und Tadel.

Dafür folgt ein signalroter Absatz in empörter Schräglage. Von Frechheit ist die Rede und dass der Schüler nicht die geringste Mühe aufgewendet habe und dann noch, dass er seinem Alter angemessen arbeiten solle.

Und nun frage ich mich, ob schlecht geführte Mitschriften, also Notizen, dem Lehrer oder dem Schüler nützlich sind? Und ist ein lässig geführtes Heft eine persönliche Beleidigung für den Lehrer? Oder ein Hinweis darauf, was der Schüler im Gedächtnis behalten will? Hat der Schüler tatsächlich nicht die geringste Mühe aufgewendet? Die Tatsache, dass er immerhin etwas gezeichnet und geschrieben hat, könnte man doch als Mühe bezeichnen, wenn auch vielleicht eine geringe.
In der letzten Bemerkung, dem Alter angemessen zu arbeiten spüre ich die Kränkung des Schülers, die Scham und den Schmerz. Ich lese daraus, du bist nicht genug. Du könntest ja, aber du willst nicht. Und, so wie du bist, gehörst du nicht hierher.

Als ich bis zur letzten Seite vor blättere, kann ich sehen, dass dem Schüler ab diesem Eintrag des Lehrers sein Selbstwertgefühl, seine Integrität wichtiger war, als die vage Aussicht auf ein „gut gemacht, „sehr gut“ oder gar „ausgezeichnet“.
Denn alle folgenden Seiten zum laufenden Schuljahr sind leer.