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Es war ein Karpfen. Der Fischer wusste es mit dem ersten Ruck seiner Angelrute. Auf jeden Fall, war es keiner dieser kleinen, schlauen Köderräuber, sondern ein Fisch in Backofengröße. Zuerst fühlte er sich an, wie die anderen Karpfen, die er schon aus dem Wasser gezogen hatte. Groß genug jedenfalls, um für vier bis fünf Esser auf der Speisekarte zu landen.
Der Fisch zog die Angelschnur straff und versuchte dem Feind, der ihn da am Maul zog, zu entkommen. In großen Schleifen durchmaß er das Gewässer, aber der Fischer hielt die Schnur auf Zug. Dann plötzlich, hing die Angelleine durch. Hatte sich der Karpfen befreit?
Langsam, mit Sorgfalt, holte der Fischer die Angelschnur ein und stoppte. Nein, er war noch dran. Wieder schwamm der Karpfen davon und zog die Leine von der Rolle. Noch einige Male wiederholte sich dieses Spiel. Einmal dachte der Fischer sogar, dass sich die Schnur irgendwo da unten verhakt hätte. Er versuchte sie mit sanftem Ruck zu befreien. Plötzlich schoss der Karpfen aber an die Oberfläche und der Mann hatte gut zu tun, die Angelschnur aufzurollen.
Schließlich, nach über einer Stunde des Kräftemessens, hatte er den Fisch im Netz. Er erschlug ihn, mit ein paar kräftigen Hieben auf den Kopf und legte ihn dann, in den dafür mitgebrachten Korb. Zufrieden setzte er sich schließlich auf die Bank und genoss die wärmenden Strahlen der Herbstsonne, die am gegenüber liegenden Ufer, bereits hellorange die Baumwipfel berührte. Vielleicht, so dachte er, würde an der zweiten Angel ja ebenfalls ein Fisch anbeissen. Aber der Karpfen im Korb, blieb an diesem Tag der einzige Fang.
Also holte der Fischer die Angel ein, zerlegte und verschnürte sie und streute den Rest des mitgebrachten Maisköders im Teich aus. Die Fische im Teich sollten ihre Freude an der Gratismahlzeit haben. Dann nahm er sein Angelgerät, den Korb mit dem Fisch und verstaute alles im Wagen.
Zuhause angekommen, stellte er den Korb mitsamt dem Karpfen in den Kühlraum im Keller. Entschuppen und ausnehmen würde er ihn später, nachdem er sein Feierabend-Bier getrunken hatte.
„Was ist es denn diesmal?“ fragte seine Frau, nachdem er sich gesetzt hatte.
„Ein Karpfen. Drei Kilo etwa.“
„Schon ausgenommen?“
„Nein, ist noch unten im Kühlraum. Ich geh dann später…“ sagte der Fischer und hob das bauchige Bierglas an den Mund.
„Lass nur, dann mach ich das jetzt. Muss dann ja noch den Nachtisch machen.“ Die Frau ging in den Keller um den Fisch zu holen und der Mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Er schaltete den Fernseher mit dem Nachrichtenblock ein und genoss sein Bier.

Zwischen den Lokalnachrichten und den Sportergebnissen, schreckte ihn ein schriller Schrei aus der Küche auf. Hatte sich die Frau mit dem großen Fischmesser verletzt? Er sprang auf und stand kurze Zeit später, hinter seiner Frau, die mit dem erhobenen Messer vor dem Tisch stand, wo der Karpfen auf einem Brett lag.
„Er… er hat sich bewegt!“
„Er ist tot“ versuchte er sie zu beruhigen „ich habe ihn vor knapp drei Stunden aus dem Wasser geholt. Wahrscheinlich ist er dir nur ein wenig vom Brett gerutscht. So ein Fisch ist schlüpfrig.“
„Nein, ich wollte ihn gerade ausnehmen… habe das Messer angesetzt und da schlägt der mit der Flosse…“ erklärte sie aufgeregt.
„Ach was, gib her“ sagte der Mann und nahm der Frau das Messer aus der Hand. Kaum aber berührte er mit der scharfen Klinge den Fisch, als der mit der Schwanzflosse schlug und sich vom Brett wand. Im letzten Augenblick hielten beide das Tier fest, damit es nicht vom Tisch sprang.
„Das gibts doch nicht“ leugnete der Mann den Vorfall.
„Hab ich doch gesagt“ erwiderte die Frau zitternd.
„Unsinn. Der ist halt noch frisch und glitschig. Wir machen das jetzt so“ wies er seine Frau an. „Du hältst ihn an Kopf und Schwanz fest, ich schneide.“
Die Frau wechselte auf die andere Seite des Tisches und tat wie ihr gesagt wurde. Als sich die scharfe Messerspitze aber dem Bauch des Karpfens näherte, schrie die Frau abermals auf und ließ ihn erschrocken los.
„Der hat mich angeschaut, der lebt!“
„Blödsinn, vor drei Stunden habe ich ihn gefangen. Dann lag er fast zwei Stunden lang im Korb, auf dem Trockenen. Und auf der Rückfahrt, durch den Stau, quer durch die Stadt, hat er keinen Mucks gemacht. Das sind wahrscheinlich nur die letzten Zuckungen. Du weißt ja, der Hauptnervenstrang am Rücken.“
Währenddessen zuckte der Fisch mit der Rückenflosse.
„Jetzt komm, lass uns das zu Ende bringen“ sagte der Mann genervt. „Halt ihn fest!“
Er umgriff entschlossen das Messer, während seine Frau den Karpfen festhielt und mit geschlossenen Augen den Kopf abwandte. Kaum aber berührte die scharfe Klinge den schuppigen Bauch, befreite sich der Fisch in einer kraftvollen Windung und sprang vom Tisch.
„Der lebt!“ Schrie die Frau auf, „ich habs ja gesagt.“
Der Fisch am Boden krümmte und wand sich. Sprang von den Tischbeinen zum Kühlschrank, zurück zum Tisch, akkurat auf den linken Fuß der Frau, die schaudernd zurücksprang. Von dort wieder zum Herd und zur offenen Küchentür.
„Mach die Schlafzimmertür zu, sonst haben wir den noch im Bett“ rief völlig aufgelöst die Frau.
Gerade noch rechtzeitig erreichte der Mann die besagte Tür, als der Fisch bereits den Flur entlang zappelte.
„Das fehlte noch, dass ich dich unter dem Bett hervorholen kann“ warf er dem Karpfen grimmig entgegen. Dann fasste sich die Frau ein Herz und ließ die Badewanne ein. Nach einem wilden Fangspiel im Flur, einem fast gefangen und gerade noch entwischt, holte die Frau endlich ein Geschirrtuch und warf es über den Fisch. Der Mann packte den Karpfen mit dem Tuch und entließ ihn in die gefüllte Badewanne, wo der Fisch schließlich gewandt und kraftvoll seine Runden zog. Dabei öffnete und schloss er sein rundes Fischmaul und rollte seine Augen. Fast hätte man meinen können, dass er sich über den langen Kampf um sein Lebenselixier Wasser beschweren wollte.
„Ich kann den nicht mehr essen“ sagte die Frau „wir müssen ihn zurückbringen.“
„Was… wie? Es ist doch schon dunkel.“
„Ja jetzt“ sagte sie bestimmt „der ist mir wirklich unheimlich.“

So stritten sie einige Sätze lang, ob es jetzt oder morgen sein musste, aber die Frau gewann. Diesen Fisch wollte sie auf gar keinen Fall über Nacht im Haus haben. Also holte sie eine große Plastikbox aus dem Keller, in welcher sie ihre Winterpullover aufbewahrte. Sie leerte sie aus und schöpfte damit anschließend den Fisch samt Wasser aus der Badewanne. Der Karpfen schwamm geradezu bereitwillig hinein und schlug noch einmal aufspritzend mit der Schwanzflosse, als die Frau den Deckel aufsetzte.

Über dem Teich funkelten die Sterne und der silberne Vollmond fand sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Ab und an fegte ein zarter Windstoß über das Wasser, so dass sich das runde Spiegelbild im Wechselspiel kräuselnd ausfranste und dann wieder klar im Wasser lag.
Am Ufer stand der Fischer mit seiner Frau. Gerade hatten sie die schwere Box zum Teich geschleppt.
„Na dann“ sagte aufseufzend der Mann und die Frau hob den Deckel ab. Dann nahmen beide die Box, schoben sie den letzten Meter bis zur Wasserlinie vor und kippten den sonderbaren Karpfen zurück in den Teich.
Kaum war er aber in seinem heimatlichen Element, leuchteten seine Schuppen und Flossen blau fluoreszierend auf. Ungläubig sahen die beiden dem Fisch nach, der direkt auf das runde Mondbild zu schwamm. Mit einem Flossenschlag wirbelte er das Spiegelbild durcheinander und verschwand schließlich in der dunklen Tiefe des nächtlichen Gewässers.
„Das glaubt uns kein Mensch“ sagte der Fischer.
„Nein“ bestätigte die Frau „das glaubt uns kein Mensch.“