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Adelheid hatte ihn bei einem Spaziergang entdeckt. Unterhalb vom Ambraser Schlosspark in Aldrans. Mitten im Dorf. Er hatte gedrechselte Eichenbeine und einen bestickten Sitzpolster. Leuchtend blaue Rapportmuster und bunte Blumen, auf dunkelblauem Grund. In schönster Gobelinarbeit aufgestickt.
Und obwohl der Klavierhocker eine Antiquität war und aus dem vorigen, wenn nicht sogar aus dem vorvorigen Jahrhundert stammte, waren die Farben der Stickerei frisch und leuchtend. Fast ein wenig zu leuchtend, fand sie zuerst. Bestimmt würde es Leute geben die ihn kitschig fanden. Aber Adelheid hatte sich vom ersten Moment an in das Ding verliebt. Sie wusste selbst nicht warum, denn eigentlich war sie nicht gerade der Blümchen- und Rüschentyp. Immerhin saß man ganz ausgezeichnet auf dieser Klavierbank. Sie hatte es ausprobiert.
Und der Verkäufer hatte ihr dazu noch eine merkwürdige Geschichte erzählt. Dies sei angeblich der erste Hocker der jungen Clara Schumann gewesen und auf verschlungenen Wegen hierher nach Aldrans gekommen. Und es wäre nicht verwunderlich, dass Clara Schumann zum Wunderkind geworden sei.

Na ja, dachte sie, das ist ja eine hübsche Geschichte. Wahrscheinlich glaubte der Verkäufer, dass sie noch eine Entscheidungshilfe gebraucht hätte. Oder er war einer dieser verträumten Fabulierer, in deren Kopf immer irgendwelche Geschichten herum geisterten. Auf jeden Fall gefiel ihr der Hocker und es war gut sitzen auf ihm. Mit hundertachtzig Euro war er nicht gerade billig, aber schließlich war er eine Antiquität und abgesehen davon, fand sie ihn schön. Also bezahlte sie und wusste, dass sie sich mit diesem Hocker noch viel lieber zum Klavier setzen würde, um zu spielen.
Zuhause stellte sie die bunte Sitzgelegenheit vor ihr Pianino und räumte den bisherigen runden Hocker in eine Ecke. Gleich morgen würde sie sich zum Klavier setzen. Die Sarabande von Bach vielleicht? Und dann ein Menuett von Mozart? Oder lieber eine Scarlatti Sonate? Ein wenig Schubert wäre auch schön, dachte sie. Vielleicht auch etwas von Clara Schumann. Sie lachte laut bei diesem Gedanken, als ihr die Geschichte des Verkäufers wieder einfiel.

Am nächsten Abend kam überraschend Besuch und deshalb wurde es nichts mit dem Klavierspiel. So stand der Hocker unberührt, unbesessen vor dem Pianino. Am Sonntag Abend fand sie aber endlich Zeit um Musik zu machen. Wie bereits vor einigen Tagen überlegt, suchte sie aus ihrer Sammlung Noten aus. Bach, Haydn und Schubert.
Adelheid begann mit ein paar Tonleitern und Fingerübungen um sich aufzuwärmen. Dann schlug sie als erstes eine Eccossaise von Schubert auf, setzte sich noch einmal zurecht und legte die Finger auf die Tasten. Und obwohl sie schon einige Zeit nicht mehr gespielt hatte, ging ihr das Stück so leicht von der Hand, dass sie sich gar nicht erinnern konnte, wann sie sich zum letzten Mal so gut im Fluss der Musik gefühlt hatte. Der Funken ihrer Spielfreude war entzündet.
Sie blätterte in Haydns Klavierstücken und entschied sich schließlich für die D-Dur Sonate. Aber schon bei den ersten Anschlägen nahm sie erschrocken die Finger von den Tasten. Was war denn mit dem Pianino plötzlich los? War irgendetwas kaputt gegangen? Das konnte doch nicht sein!
Noch einmal begann sie und spielte die erste Phrase. Es klang ganz anders als gewohnt. Eher wie ein Hammerklavier. Abermals begann sie, diesmal den ganzen ersten Satz, das Allegro. Kein Zweifel, ihr Allerweltspiano klang plötzlich wie ein Hammerklavier. Schön, aber eben nicht wie gewohnt. Verblüfft aber beflügelt, spielte sie noch einmal das Allegro und dann auch das Largo und das Finale Presto. Am Ende seufzte sie, noch immer etwas verwirrt, aber beglückt auf. Hatte vielleicht dieser Klavierhocker etwas damit zu tun? Konnte er ihr Spiel derart verwandeln, dass es so leicht dahin ging und sogar der Klang sich an das Musikstück, die Epoche der Komposition anpasste? Jetzt wollte es Adelheid wissen.

Sie stand auf, holte einen Küchensessel und stellte ihn vor das Pianino. Dann schlug sie aus den Stücken von Bach das B-Dur Capriccio auf, an welchem sie schon länger einige Arbeit hatte. Schon während der ersten Takte merkte sie, dass hier noch viel daran zu tun war. Sie unterbrach ihr Spiel, tauschte den Küchensessel wieder gegen den geheimnisvollen Hocker, setzte sich und legte die Finger auf die Tasten. Kaum aber berührte sie das Instrument, wechselten die Tasten die Farbe. Die schwarzen wurden weiss – die weissen schwarz.
„Ha“ rief sie aus „was ist jetzt das?“ und sprang auf. Sie schüttelte sich, ging ein paar Runden durch das Zimmer und setzte sich unsicher aber neugierig abermals vor das Instrument. Vorsichtig berührte sie die Tastatur und wieder veränderte sich das Schwarz-Weiss-Bild. Na gut, dann eben so, dachte Adelheid und begann zunächst wachsam und misstrauisch, dann immer zuversichtlicher zu spielen. Das Pianino erklang zart und weich wie ein Cembalo.
Aha, dachte sie, also ist es wahr. Dieser Hocker ist ein Wunder. Sicher würde sie ab heute viel öfter spielen als bisher, denn auf diese Weise wurde ja jedes Stück zum musikalischen Abenteuer. In den folgenden Tagen nahm sie sich jede nur erdenkliche Zeit um ihr Klavierspiel auf diesem Hocker zu erforschen. Mit der gewohnten klassischen Literatur, aber auch das eine oder andere Mal mit einem populären Stück aus dem Pop-Genre. Denn sie wollte alle Möglichkeiten des Hockers ausloten. So klang ihr Pianino mal wie ein Klavier oder Cembalo, aber sie hatte ihm auch schon Synthesizer- und Harmonium-Klänge entlockt. Mit der Zeit ergriff sie eine Art Besessenheit, nichts und niemand konnte sie davon abhalten diesen Klavierhocker zu besetzen und zu spielen. Adelheids Spiel wurde immer virtuoser und leichter. Und anfangs noch kaum bemerkbar, vernachlässigte sie mit der Zeit, Arbeit, Haushalt, Verwandte und Freunde.

Ein halbes Jahr später, hatte sie Besuch von ihrer vierzehnjährigen Nichte Emma, die am Klavier als ausgesprochenes Talent galt. Das Mädchen wunderte sich über Zeitungen und Müllsäcke, die schon im Flur überall auf dem Boden lagen. Sie staunte über die unaufgeräumte Küche und schließlich über das Wohnzimmer, das aussah, als ob drei Monate lang niemand aufgeräumt und gewischt hatte. War das ihre penible Tante, die früher Jagd nach jedem Stäubchen, jeder Spinnwebe gemacht hatte? Was war passiert?

„Hallo Tante Adelheid, was ist denn hier los?“
„Wie schön, dass du mich besuchen kommst.“ Sagte die Tante und überfiel Emma gleich mit den Worten „Kommst du, um mit mir zu spielen?“ Und zog die Nichte am Ärmel zum Klavier.
„Ja sicher,“ wunderte sich Emma, denn bisher hatte sich die Tante immer geziert, wenn sie zusammen spielen sollten.
„Ich spiele gerade ein Stück, das dir sicher gefallen wird“ zog Emma ein Notenheft aus ihrer Tasche.
„Jaaa, zeig her.“ Rief die Tante voller Ungeduld aber mit einem kurzen Blick auf den Titel, streckte sie der Nichte das Heft wieder entschlossen entgegen.
„Hast du nichts Anspruchsvolleres?“
„Ja schon…“ sagte Emma und suchte in ihrer Tasche zögernd nach einem schwierigeren Stück. Tante Adelheid schien das wohl viel zu lange zu dauern, mit einem raschen Handgriff entriss sie Emma die Tasche und suchte nach einem Stück das sie befriedigen würde. Und im nächsten Moment schwenkte sie schon triumphierend ein vierhändiges Stück vor Emmas Nase, das die Nichte gerade erst begonnen hatte zu studieren.
„Aber Tante, das ist wirklich schwierig. Willst du das tatsächlich spielen.“
„Ja sicher Emma, komm schon, endlich wieder etwas Neues!“ Frohlockte Tante Adelheid, stellte den alten Hocker für Emma vor das Pianino und setzte sich auf die bunte Klavierbank.
„Na komm endlich, los, los…“ Die Tante klopfte ungeduldig, einladend auf den Hocker neben sich und Emma setzte sich zögernd vor das Klavier und wunderte sich über die seltsame Veränderung der Tante. Ja gut, wenn sie unbedingt will, dachte sie und legte, wie ihre Tante, die Hände auf die Tasten und das Spiel begann.
Fünf Takte weiter dachte Emma: ‚das ist doch wirklich unglaublich‘ und ‚wie hat die Tante das bloß geschafft? Die spielt ja wie Horowitz?!!!‘
Emma nahm entgeistert die Finger von den Tasten. Aber die Tante spielte wie eine Besessene weiter und weiter und weiter und schien bald Emmas Part zu übernehmen.
„Tante?“ Aber Adelheid hörte nicht.
„Tante!“ Aber die Tante ging vollständig in ihrem Spiel auf. Hätte Emma die Wand angesprochen, wäre als Reaktion wenigstens ein Atemhauch zurückgekommen.
„Hey, Tante Adelheid… Taaantchen….!?!?“ Adelheid aber, schien nur die Musik zu hören… abwesend, merkwürdig, entrückt, völlig überdreht, verrückt, dachte Emma.
Dann nahm sie ihre Tasche und ergriff die Flucht. Diese verwandelte Tante war ihr unheimlich.