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„Flocke!…Floooockeee…“
„Wo treibt sich der Hund nur wieder herum? Kaum schneit es, ist er auch schon weg.“ Der Bauer schloss verärgert die Haustür.
„Ach lass ihn doch, du weißt ja, dass er bei dem Wetter nicht zu halten ist. Er wird schon kommen, wenn er hungrig ist“ meinte seine Frau und sah kurz von ihrer Strickarbeit auf. Dann klapperten die Nadeln über dem halbfertigen Socken lustig weiter.

„Aber jetzt ist er schon fast zwei Jahre alt. Langsam könnten die Flegeljahre wirklich vorbei sein. Was ein richtiger Lawinenhund sein will, auf den muss schon Verlass sein“ wetterte der Bauer.
„Ja ich weiß, deshalb hast du ihn ja genommen. Damit du einen Ersatz hast für die Senta.“
„Sowieso, aber was mach ich mit einem Hund der nicht kommt, wenn ich ihn rufe? Das ist doch wohl das mindeste.“
Die Frau strickte gleichmütig weiter und der Bauer suchte die Landschaft jenseits des Fensters ab.

„Nichts zu sehen.“ Dann drehte er sich um und setzte sich auf die Bank im Herrgottswinkel.
„Andererseits wird der bei der Arbeit zum Energiebündel, wenn er den Schnee nur riecht. Und bei den Übungen ist er immer ganz vorne mit dabei. Seine Nase ist wirklich unglaublich. Ich sag dir, das hättest du unlängst sehen sollen. Wir haben testweise an drei verschiedenen Stellen Taschentücher mit dem Geruch von Sepps Schweißfingern, drei Meter tief im Schnee eingegraben. Und stell dir vor, er hat sie alle gefunden. Alle drei. In null Komma nix. So schnell war noch keiner aus der Truppe. Nicht mal die Senta.“

„Wirklich?“
„Ja ehrlich, ganz ungelogen.“ Der Bauer, der auch bei der Bergwacht war, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Aber was nützt uns das, wenn der Kerl nicht da ist, nicht kommt, wenn es brenzlig wird? Man muss ja immer damit rechnen, dass da was runter rutscht. Grad so wie heute, wenn der Schnee so locker und massig fällt.“
„Ja, da hast du schon recht. Mir ist auch nicht ganz wohl bei dem Wetter“ bestätigte die Frau.
„Obwohl, seit den letzten zwei Wintern, sind immer nur kleine Lawinen abgegangen. Und die sind gar nicht bis ins Dorf gekommen. Sind immer schon oben auf der Mahalm liegen geblieben. Und dabei musste keiner von uns hinauf, zum absprengen. Schon merkwürdig oder?“
„Merkwürdig oder nicht, von mir aus kann es gern so bleiben. Ich brauch das nicht, das herum zittern jeden Winter. Oft mehr als einmal. Da kann ich gern drauf verzichten.“

Das kleine Dorf lag in einem Tal, das vor allem bei heftigem Schneefall immer wieder durch abgehende Lawinen gefährdet war. Oft bildeten sich überbordende Schneewächten am Kamm. Oder Wildrudel traten einen Lawinenhang los. Und manchmal gab es auch diese leichtsinnigen Burschen die den Neuschnee so geil fanden, dass sie die Absperrung zur Gefahrenzone einfach überfuhren. Und obwohl die Lawinenschutzbauten in den letzten Jahren das allerschlimmste verhindert hatten, konnten die Lawinen den Häusern oberhalb des Dorfes, noch immer gefährlich werden.

Flocke, war wie immer bei starkem Schneefall unterwegs. Er kannte mittlerweile den besten Weg durch den Hochwald. Ganz hinauf musste der Hund, oberhalb der Latschen. Dort wo sich über dem Berggrat die Schneewächten sammelten.
Mit hängender Zunge stand Flocke nun hechelnd, rechts unterhalb dieser Wand. Er wusste instinktiv wo er in Sicherheit war, wenn die Lawine abging. Mit gespitzten Ohren, betrachtete er den gefährlich, ausbordenden Überhang. Sein weisses Fell sträubte sich. Dann stemmte er seine vier Pfoten in den Schnee und stieß einen spitzen, hellen Laut aus, der von der Wand dumpf widerhallte. Der Ton war noch nicht verklungen, da brach ein kleines Stück der Wächte ab, rutschte talwärts und blieb im Lawinengatter hängen. Noch einige Male gab Flocke diesen kurzen, eigenartigen Laut von sich und mit jedem Mal, brach ein Stück des Überhanges ab und glitt zu Tal. Mit der letzten, zu Tal rutschenden Schneelast, brummte der Hund zufrieden und machte sich auf den Weg zurück zum Hof.