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Die Nacht senkte sich über das kleine Tal. Die Sterne funkelten um die Wette, als ob sie sagen wollten: ich bin der hellste, der größte, der schönste. Über allem hing elegant die geschwungene Mondsichel, die den Neumond ankündigte.
Auf der Wiese standen etwa dreißig Schafe. Wie helle flauschige Tupfen nahmen sie sich auf dem Schwarzgrün der nächtlichen Flur aus. Gerade formierten sie sich für die Nachtwache. Der starke Bock und die erfahrenen Tiere aussen, die Mutterschafe und Lämmchen innen. Denn man konnte ja nie wissen. Vor allem in diesen dunkleren Nächten, trieb sich das eine oder andere Gelichter im Wald herum.

Plötzlich durchschnitt ein grelles „määääääähhhh…“ die Stille. Alle Ohren richteten sich nach dem Warner aus. Der stand, die vier Beine in den Boden gerammt, am Rand der Gruppe. Die Nase zum Wald gerichtet, lief ihm ein sichtbarer Schauer über den Rücken.
‚Das sieht nicht nach Gefahrenstufe sechs oder sieben aus’, dachte der Bock und suchte mit seiner Nase den Waldrand ab. Und da stand er auch schon, der Wolf. Groß und dunkelgrau war er, mit gelben abschätzenden Augen.

„Böööööhhhhhh“ rief der Bock und die Gruppe rückte zusammen.
„Schleich di du Hundskerl“ schmetterte der Bock dem Wolf entgegen.
„I brauch nur a Laumm… a klans tät ma scho reichn“ grinste der Wolf und zeigte seine Reisszähne.
„Do hoscht a Pech ghobd. Bei uns isch nix zum holn.“
„Ah geh, nur a gaunz klans… ihr werds es kaum merkn.“
„Schau dassd weida kummschd, do gibsch nix zan holn!“
„Des wern ma no segn…“ sagte der Wolf und umschlich die Gruppe. Denn irgendwo musste da ja eine Lücke sein, dachte er. Es gab sie immer, diese knieweichen Schwachpunkte, die einen Angriff lohnenswert machten und schließlich den knurrenden Magen füllten.

Aber diese Herde schien anders. Sternförmig standen sie im Kreis, die Hinterteile zur Mitte ausgerichtet, mit den zarten Lämmern im Zentrum. Samt dem Bock bewegten sie sich im Kreis, so dass sich der Wolf immer dem drohend gehörnten Kopf des Oberhauptes gegenüber sah.
„Des nutzt eich ah nix“ brummte der Wolf missmutig. „Ihr könnts jo ned ewig hin und her trippeln.“
„I woarn di“ drohte ihm der Bock „geh bessa ham vun durtn wosd herkumscht. Sunscht wird da nämlich glei hearn und segn vagehn.“
„Ha, des kost mi hechstns an Locha. I hob Zeit. Irgendwaunn wird eich des Gspü scho zbled wern… und daunn…..“
„Zum letschdn Mol, vaschwind, sunschd wiaschd glei merkn wo da Bartl in Moscht holt.“

Aber der Wolf wollte nicht hören. Da begann sich die Herde im Kreis zu drehen, immer schneller und schneller und schneller und ein vielstimmiges „Määähhhh, Beeeehhhh, Müäääähh, Bööhhhhhh, Müääähhhhhh, Meeeiihhh…“ hub an und steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden, durchdringenden Geschrei, das dem Wolf die Haare zu Berge stehen ließ. Wie ein verrückt gewordenes Ringelspiel, ging es immerzu im Kreis herum, bis die Schafe zu einem riesigen, wilden Wollknäuel zusammenwuchsen. Aber der Wolf dachte, dass sie ja irgendwann damit aufhören müssten und setzte sich. Wahrscheinlich würde es diesen närrischen Herdentieren von dem Gedrehe am Ende schlecht und schwindlig sein. Und dann hätte er leichtes Spiel, sich einen fetten Happen zu schnappen.

Er stellte sich bereits vor, wie er sich das zarteste Lamm aussuchen würde, als sich die kreisende Herde immer noch schneller drehte und in der unmittelbaren Umgebung Blätter und Grasbüschel aufwirbelte. Gerade wollte der Wolf mit ein paar Schritten rückwärts dem Sog des Kreisels entkommen, als er von der aufsteigenden Windhose erfasst, und hochgeschleudert wurde. Wie ein Blatt im Herbststurm, trug es ihn hinauf und hinunter, immer im Kreis herum. Aufjaulend wirbelte er durch die Luft, sodass ihm hören und sehen verging.

Nach drei Ewigkeiten verlangsamte die Herde das Tempo schließlich. Der Wolf fiel wie ein Stein vom Himmel und schlug hart auf der Wiese auf. Eine Weile lag er benommen da, bis er wieder auf die Beine kam.
„De san jo iwagschnopd!“ Japste er und nahm Reissaus. Der Appetit auf Lammfleisch war ihm für alle Zeiten vergangen.