Wenn es ums Rechtschreiben ging, kann ich mich auf einen Satz aus meiner Schulzeit noch sehr genau erinnern: »Man schreibt es so, wie man es spricht!«.

Erst sehr viel später ist mir aufgefallen, dass dieser Hinweis auch im Hochdeutschen nicht stimmt. Ehrlich gesagt hat mich die Frau Skvenc erst darauf gebracht, als sie aus ihrer Schulzeit erzählt hat.

»Do woa so a Bua in da Klass, mit so strohblonde Hoa. Mitm Rechtschreim hod a si imma gaunz schen plogd. Und waun a ned weida gwussd hod, daunn hod a hoid zum Nochboan umigspeanzld oda sogoa gfrogd, gaunz leise natirlich. Friara hod ma jo gsogd des is schwätzn. Auf jeden Foi hod eam die Lehrarin beim Schopf poggd und so beidld, dass an Schippl Hoa in da Haund ghobd hod. Owa heid is des jo aundas. Goud sei daungg!«¹

Ja stimmt, dachte ich, heute ist das wirklich anders. Aber die Schwierigkeiten beim Schreiben oder Lesen lernen, die gibt es noch immer. Denn die Frau Squenz hat zu dieser Geschichte noch schnell hinzugefügt: »Owa ma schreibd jo ned ois so wia ma’s spricht – homs des scho amoi ibalegd?«²

Natürlich habe ich nachgedacht. Dabei ist mir gleich ein Halbsatz aus meiner Kindheit eingefallen, den ich allein wegen seiner Betonung lange nicht verstanden habe. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, was dieser Gebetsausschnitt aus den Kirchenritualen, ohne Punkt und Komma im Chor dahingesagt – »wenndueingestuntermeindach…?« – wohl zu bedeuten hätte, der im Gleichklang der Kirchengemeinde ja ziemlich hochdeutsch daher kam. Was bitteschön ist ein ›Gest‹, hatte ich mich damals gefragt. Jemanden gefragt hatte ich aber nie, denn so etwas fragt man doch nicht, dachte ich. 

Wenn ich mir diese Worte jetzt in Erinnerung rufe, dann hätte dieser blonde Erstklässler aus der Klasse von der Frau Squenz sehr wahrscheinlich mit dem stummen ›h‹ in ›eingehst‹ seine Schwierigkeiten gehabt. Vorausgesetzt er wäre nicht schon über das doppelte ›n‹ gestolpert.

»Schlimm woas owa erst mit die ›Sp‹ und die ›St‹. Wal vuan sogd ma schpielen und Schtiege oda schparen und Schtein mit ›Sch‹. Owa hintn oda in da Mittn hasts daunn af amoi – Wüste oda Asparagus oda Morast.«³

Ja richtig, denke ich und da fällt mir ein, dass es auch in anderen deutschsprachigen Regionen gehörige Unterschiede in der Aussprache solcher Laute geben kann. Hans Albers, der Schauspieler mit diesen unglaublich hellen Augen zum Beispiel, hat tatsächlich von »Stufen und Steinen« gesprochen. 

Deshalb dachte ich gerade an die Reeperbahn nachts um halb eins, die ich nur vom Lied her kenne, als die Frau Squenz meine Melodie im Kopf unterbrochen hatte:

»Mit dem ›V’ is es jo a ned bessa. Wal do gibds di Wase, eigentlich mit ›W’ und die Vögel mit ›F’. Und gaunz bled is daunn, wennsd viel oiso vü und fiel – gfoin auseinaunda hoidn suisd.«⁴

Der Frau Squenz sind dazu noch ganz viele Beispiele eingefallen, aber Sie verstehen jetzt sicher was ich meine – von wegen man schreibt so wie man es spricht. Ich jedenfalls, sehe mir die Wörter seither immer etwas genauer an. Und ich finde es ist wirklich kein Wunder wenn so mancher Erstklässler, beim Schreiben und natürlich auch beim Lesen, in Bedrängnis gerät. 

Wie Sie sicher wissen, kann man das ein wenig nachempfinden wenn man versucht eine neue Sprache zu lernen. Englisch zum Beispiel. Oder Französisch, Tschechisch, Griechisch, Japanisch oder Dialekt natürlich. 

Sie werden mir sicher auch zustimmen, wenn ich sage, bei jeder Sprache ist es ein großer Vorteil wenn man sich vorweg einmal eine Zeit lang einhört. Auch die Frau Squenz hat dazu gemeint: »Waun i jetz noch Kärntn oda sogoa noch Tirol foan tät, daunn brauch i a Zeit laung bis i mi einighead hob.«⁵ Und dann hat sie noch erzählt, dass sie seit dem Ende ihrer Schulzeit alles so schreibt wie man es spricht. 

Dass sie das tut, kann ich vollinhaltlich bestätigen und mit etwas Übung kann man das was sie schreibt, tatsächlich auch lesen. 

Der Trick ist – das verrate ich Ihnen jetzt ganz am Schluss: Lesen Sie es gaaanz langsam und vor allem laut! 

Mit ein bisschen Übung werden Sie mit der Zeit immer schneller und am Ende gehen Sie vielleicht sogar als Einheimische oder als Hiesiger⁶ durch. 

Bis zur Meisterschaft finden Sie aber, als Überbrückung, hier anschließend die Übersetzung aller Dialektpassagen. 

Rechtschreibung


 

Übersetzungen:

¹”Da war ein Bub in meiner Klasse mit weißblondem Haar. Mit dem Rechtschreiben hat er sich immer sehr schwer getan. Und wenn er nicht weiter wusste, dann hat er heimlich zum Nachbarn hinüber geschaut oder sogar gefragt, ganz leise natürlich. Damals hat man ja gesagt das ist Schwätzen. Auf jeden Fall hat ihn die Lehrerin beim Haarschopf gepackt und so gerüttelt, dass sie ein ganzes Büschel Haare in der Hand gehabt hat. Aber heute ist das ja anders. Gott sei dank!”

²”Aber man schreibt ja nicht alles so wie man es spricht – haben sie schon einmal darüber nachgedacht?”

³”Schlimm war es aber erst mit den ›Sp‹ und den St’ Lauten. Denn vorne sagt man spielen und Stiege oder sparen und Stein mit ›Sch‹. Aber am Ende oder in der Mitte vom Wort heißt es dann auf einmal Wüste oder Asperagus oder Morast.”

⁴”Mit dem ›V‹ ist es ja auch nicht besser. Denn da gibt es die Vase, eigentlich mit ›W‹ und die Vögel mit ›F‹. Und ganz dumm ist es dann, wenn man viel (also eine große Menge) und fiel (im Sinne von gefallen) auseinander halten soll.”

⁵”Wenn ich jetzt nach Kärnten oder sogar nach Tirol fahren würde, dann brauche ich eine Zeit bis ich mich an die Sprache gewöhnt habe.”

⁶Hiesiger = ein Ortsansässiger