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Ich war sechs Jahre alt, saß vor meinem Heft und malte wie die anderen vierunddreißig Kinder, brav meine Schlaufen und Kringel aufs Papier. Jedes Zeichen sollte möglichst die angegebene Schräglage aufweisen und dem Vorbild auf der Tafel gleichen.

Die Lehrerin ging mit strengem Blick zwischen den Tischreihen auf und ab, kontrollierte, korrigierte und ermahnte. Niemand kam damals auf die Idee, dass ein Versagen mit individueller Entwicklung, dem persönlichen Lernstil oder der Art des Lehrens zu tun haben könnte. Potential war ein Fremdwort, das man im Wörterbuch nachschlagen konnte, aber keine Frage der Pädagogik. Stattdessen war Disziplin und Gehorsam gefragt. Und Fehler oder Widerstand wurden geahndet und abgestraft.

Heute noch höre ich den immer wiederkehrenden Tadel „wenn du dich ein bisschen mehr anstrengen würdest, dann…“. Aber gleichgültig wie sehr ich mich auch anstrengte, es reichte nie, für das in Aussicht gestellte „dann…“.
Freilich gab es immer ein bis zwei Kinder die dieses „dann“, scheinbar mühelos erreichen konnten, aber die Mehrzahl mühte sich ab, in endlosen Übungen.
Die Schulglocke teilte den Unterricht in Schreiben, Lesen, Rechnen, Natur- und Völkerkunde und wenn sie am Ende eines Vormittages durch die Klasse schrillte, war ich froh, dass es endlich wieder vorbei war.

So dachte ich für lange Zeit, das wäre Lernen und Erfolg sei nur mit Anstrengung, Disziplin und Mühsal, im Gleichschritt mit Gleichaltrigen zu erreichen.

Viele Jahre später, saß ich mit unserem Sohn vor den geforderten Matheaufgaben für die Externistenprüfung. Es galt, den Stoff von sechs Jahren aufzuholen.
Ich erinnere mich gut daran, dass ich an den Prüfungstermin in drei Monaten dachte und auch daran, wie wir das bloß in dieser Zeit bewältigen sollten. Auch der Satz aus meiner eigenen Schulzeit, klang in Anpassung an die Situation in meinen Ohren „ach, wenn er sich nur ein wenig mehr anstrengen würde, dann…“.
Dann flog das Mathebuch in die Ecke und nichts ging mehr.

Ein glücklicher Klick in der Suchmaschine, führte mich zu einem Mathelehrer, der zwar in einer freien Schule unterrichtete, aber Autodidakt war. Zur ersten Stunde kam er mit einer Einkaufstüte, aus dem blaue, dünne Stäbchen herausragten. Dann setzte er sich zu unserem Sohn und stellte ihm zur jeweiligen Aufgabe und dem mitgebrachten Material ein paar knappe Fragen. Und ich sah, wie unser Sohn begriff.

Zur Berechnung eines Kreisumfanges, bat er unseren Sohn etwas Rundes und ein Maßband zu holen. Mein Sohn sprang auf, holte eine der beiden Messingschalen unserer alten Küchenwaage und das Maßband aus meinem Nähkästchen.

„Gut,“ sagte der Lehrer „welchen Durchmesser hat diese Schale?“
Unser Sohn nahm mit einem das-ist-doch-babyeinfach-Blick das Massband und nannte das Ergebnis.
„Dann ist der Radius wieviel?“ fragte der Lehrer.
„Die Hälfte natürlich“ antwortete unser Sohn.
„Gut“, meinte der Lehrer „nimm einen Filzstift und übertrage nun den Durchmesser auf den Umfang der Schale. Wie oft kannst du das machen?“.
„Dreimal und ein bisschen was“ meinte unser Sohn.
„Genau“, sagte der Lehrer „Drei-komma-eins-vier“. „Wie berechnest du also den Umfang eines Kreises aus dem Durchmesser?“

Prompt kam die Antwort unseres Sohnes. Und nun verstand sogar ich zum ersten Mal, dass die Zahl Pi, drei-komma-eins-vier, kein undurchschaubares Mysterium aufwarf. Denn drei-Komma eins-vier, konnte sogar ich mir einprägen. Unser Sohn merkte sich von den über dreißig Kommastellen dreizehn, weil er plötzlich Spaß daran hatte.
Wie man aus dem Umfang eines Kreises den Radius berechnet und aus dem Durchmesser die Fläche, war jetzt einfach. Sogar das Volumen eines Zylinders zu ermitteln, war nur mehr ein Klacks. Und nun war das experimentelle Interesse unseres Sohnes, zu weiteren anschaulichen Versuchen geweckt. Mit Hilfe der blauen Stäbchen entdeckte er die Rechenwege zu Rhomben und Trapezen. Gezielte Fragestellungen wiesen ihm dabei den Weg.

Für mich war es wie Zauberei. Der Mathelehrer kam noch zweimal und dann trat unser Sohn zur Prüfung an, die er mit zwei plus bestand.

Seither weiss ich, lernen kann auch leicht sein.