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„Steigen Sie nicht mehr ein!“ Tönte es aus den Lautsprechern der U-Bahnstation am Westbahnhof.
Mit lautem Krachen schloss sich hinter Klaus Wiener die U-Bahn-Tür. Zumindest in seinen Ohren klang es laut und krachend, denn nach drei Tagen und zwei Nächten Fehlersuche, wollte er nur noch nach Hause und dann ins Bett fallen. Es war zehn Uhr vormittags, die Rushhour also vorbei und deshalb fand er am Ende des Waggons einen freien Sitzplatz. Um die noch anstehenden technischen Probleme und Details aus dem Kopf zu bekommen, hatte er am Bahnhof eine Zeitung gekauft, die er jetzt aufschlug.

‚Neuer Hitzerekord in Wien‘ prangte ihm auf der Titelseite entgegen. Ja, dachte er, die Hitze hatte in den letzten Tagen auch ihm schon zu schaffen gemacht. Das Thermometer war in den letzten Tagen kaum unter zweiunddreißig Grad gesunken und in der Montagehalle hatte es tagsüber fast schon vierzig Grad erreicht. Auch zuhause wurde es erst nach Sonnenuntergang einigermaßen erträglich. Deshalb wünschte sich Klaus Wiener – abgesehen von etwas Ruhe und Schlaf – nichts mehr, als eine wetterbedingte Abkühlung und ein kühles Blondes.
Er schlug die Seite mit den Vorhersagen auf: ‚Am Donnerstag ziehen in den Morgenstunden kompakte Wolken durch. Es bleibt aber trocken und im Tagesverlauf setzt sich verbreitet die Sonne durch. Bei schwachem Wind steigen die Temperaturen in Wien und im Osten Österreichs auf 32 bis 35 Grad. Es bleibt trocken und heiss‘, stand da.
Immerhin, der U-Bahnzug ist klimatisiert, stellte Wiener fest und entspannte sich. „Alterlaa… umsteigen zu…“ noch drei Stationen, dachte Wiener und freute sich schon auf das Feiertagsbier und auf sein Bett.

Als er die Tür hinter sich schloss, drang die Stimme seines Sohnes durch jene Tür, die mit ‚Eintritt nur nach Voranmeldung‘ beschriftet war.
„Papa?“
„Ja, ich bin’s“ gab er sich zu erkennen und wunderte sich, dass Finn an einem Mittwoch vormittag nicht in der Schule war. Aber es blieb ihm keine Zeit zur Erforschung der möglichen Gründe, denn im nächsten Moment stürmte Finn aus seinem Zimmer.
„Die neue U7 fährt ab heute, du weißt schon, die supermoderne, raketenschnelle AIR die wie eine Flaschenpost…“
Der Vater winkte müde ab und suchte den Boden der Garderobe nach seinen Pantoffeln ab. Auf den zweiten Blick wurde er fündig, zog seine Schuhe aus und schlüpfte in die Hausschuhe, die sich heute viel weicher und größer anfühlten als sonst. Während er in die Küche ging, um sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier zu holen, musste er auf jeden Schritt achten, um unterwegs seine Pantinen nicht zu verlieren.
„Bitte Papa, können wir mit der neuen AIR fahren…“ kam es wieder von seinem Sohn Finn.
„Nur ein Stück. Heute müssen wir uns nicht mal registrieren lassen. Es kostet gar nix… nema, niente, nothing!“
„Doch, mich kostet es einen entspannten Nachmittag und den dringend benötigten Schlaf.“

Der Vater schenkte sich ein Bier ein und der Schaum quoll über den Rand des Glases. Immer weiter schäumte es und kroch schließlich über die Arbeitsplatte, abwärts über die Tür des Unterschrankes auf den Boden. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis es endlich aufhörte. Zu warm – dachte Herr Wiener, – das Bier ist zu warm. Und während er überlegte woran das liegen könnte, da er die Bierflasche ja gerade erst aus dem Kühlschrank genommen hatte, tauchte hinter der Kochinsel wieder der Kopf seines Sohnes auf. Er trug sein Lieblings T-Shirt mit der Aufschrift ‚Aufräumen muss man erst, wenn das WLAN-Signal nicht mehr durchkommt‘. Und eine merkwürdige Kopfbedeckung trug er. Eine Art Helm mit Stummel-Antenne, an dessen oberem Ende eine rote LED blinkte. Der Vater wollte gerade danach fragen was dieser Helm zu bedeuten hatte und überhaupt, wo er dieses Ding her hatte, als Finn abermals in seine Überlegungen. platzte.

„Ooooch Papaaaa, komm schon. Lass uns mit der AIR fahren. Lass uns etwas unternehmen, wenn du schon mal zuhause bist. Mama und die Mädchen sind einkaufen. Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“
„Und ich habe die ganze Zeit gearbeitet und bin jetzt todmüde. Ich habe auch ein Recht auf Entspannung. Ich muss jetzt endlich schlafen. Dringend.“
„Ja sicher, Papa. Das sollst du ja. Du wirst sehen wie gut du dich in Loipersdorf entspannen kannst. Die neue AIR braucht nur zweiundvierzig Minuten dorthin. Von mir aus können wir auch schon in Bad Vöslau, Oberlaa oder Bad Fischau, in Blumau oder beim neuen Aqua 2000 aussteigen. Ich habe schon alles gepackt. Badezeug, Handtücher, Sonnencreme für dich… komm jetzt endlich!“
Und während Finn den Vater in den Flur zog, fiel diesem ein, dass er seinem Sohn schon lange einen Badeausflug versprochen hatte. Also gab er allen Widerstand auf und folgte ihm in den Flur, wo eine große, prall gefüllte Badetasche stand. Obendrauf Finn’s Spritzpistole und sein fertig aufgeblasenes Krokodil.

Erst als sie in Siebenhirten auf dem Bahnsteig standen, fiel Wiener auf, dass er noch immer die schlappen Pantoffel trug. Aber das war ihm jetzt auch egal. Er hatte auch gar keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, denn Finn redete wie ein Wasserfall.
Dass es in der Stadt auch bei der größten Hitze gar nicht mehr so heiss wäre, weil die Stadtplaner an strategischen Stellen Ventilatoren aufstellen ließen und diese kontinuierlich für kühle Frischluft sorgten. Dass sie in Alterlaa in die nagelneue U7-AIR umsteigen würden, die fast alle Thermen von Wien bis in die Süd-Steiermark anfuhr. Dass an der ersten Station in Oberlaa, ein Riesenhappening, mit Kulinarik, Musik, und Gewinnspielen stattfinden würde. Dass man an allen Stationen ein reduziertes U7-AIR-Spaßticket für die jeweilige Therme bekam und dass die Wiener Linien an mehreren Haltestellen der Linie U7 Simulatoren aufgestellt hätten, mit welchen man mit einem konventionellen U-Bahnzug virtuell Zugführer spielen konnte. Finn hatte sich natürlich schon online angemeldet.

Klaus Wiener schwirrte der Kopf von der Redeflut seines Sohnes. Deshalb war er froh, dass Finn sich mit den Öffis so gut auskannte. Als sie in Alterlaa ausstiegen, prangten ihnen im Zugang zur U7 die Werbetafeln entgegen: Fit und gesund durch die Sommerhitze – Mit den Wiener Linien zum Badespaß – Ab ins kühle Nass – U7 AIR, die beste Verbindung ins Thermenland… Wasserlandschaften… köstliche Kulinarik… Ruheoasen.
Oh ja, dachte Wiener, vor allem Ruheoasen wären ihm jetzt höchst willkommen.
„Nicht einschlafen Papa, wir sind gleich da. Schau, da vorne steht sie schon. Komm beeil dich, sonst müssen wir auf die Nächste warten.“ Finn zog und schob den Vater und kaum hatten sie das silberne Wunderwerk betreten, erklang: „Steigen sie nicht mehr ein!“ Aus den Lautsprechern.
In Wieners Rücken erklang ein warnendes Piepen und mit einem sanften Plopp schlossen sich die Türen. Merkwürdigerweise drängten sich hier nicht viele Menschen um das neue Fahrgefühl zu testen, sodass es sogar freie Sitzplätze gab. Komisch, dachte Wiener, wahrscheinlich lag es wohl daran, dass die meisten um diese Zeit noch arbeiten müssen. Das war ihm sehr recht, denn für Massenveranstaltungen wäre er wirklich zu müde gewesen.

„Nächster Halt… Therme Oberlaa…“ tönte es durch den Lautsprecher. Und dann: „Bitte bleiben sie achtsam, zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür ist ein Spalt.“
Also auch hier, dachte Wiener und dass er mit seinen großen Schlappen beim Aussteigen aufpassen müsse nicht hängen zu bleiben. Als er sich auf einen freien Platz setzte, stand sein Sohn mit einem bunten Paket vor ihm, das mit Draht seltsam verschnürt war. An der rechten unteren Ecke blinkte eine rote LED. Daneben klebte eine digitale Anzeige und zählte gerade von dreißig Richtung Null. Piep, Piep, Piep… klang es in seinen Ohren…
„Finn, schmeiss das weg, raus hier…“ aber Finn stand seelenruhig da und grinste.
„Aber Papa, happy Birthday. Das ist doch dein Geschenk.“
Die rote LED auf Finn’s Helm blinkte mit der roten am Paket, synchron im Takt: Piep, Piep, Piep… gerade sprang die Zahl von der Eins auf die Null, als es explodierte.

„Hallo… aussteigen, steigen sie bitte aus, Endstation!“ Klaus Wiener wischte sich den Schweiss von der Stirn und schüttelte sich.
„Wo…“ fragte er verwirrt.
„Siebenhirten. Endstation. Wenn sie nicht wieder bis Floridsdorf mitfahren wollen, sollten sie jetzt aussteigen.“
Wiener nahm, noch immer benommen, seine Tasche und griff nach der Zeitung, die auf den Boden gerutscht war. Die aufgeschlagene Seite zeigte eine halbseitige Werbebotschaft irgendeiner Airline, darunter aber das Bild einer Wasserlandschaft. Im Vordergrund eine lachende Familie hinter einem aufblasbaren Krokodil. Darüber die Lettern: „Ab ins kühle Nass. Die besten Verbindungen ins Thermenland. Mit den Wiener Linien zum Badespaß.“ Und da entsann er sich wieder – er hatte Finn zum Geburtstag einen solchen Ausflug versprochen. Morgen, dachte er… denn heute musste er wirklich ausschlafen. Dann stand er auf und stieg aus.