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Es war etwa achtzehn Uhr und schon dunkel draußen, als das Telefon klingelte. Als sie den Hörer abnahm, ahnte sie schon, dass es ihr Mann war. Und dass er wieder einmal später kommen würde.
„Ja bitte?“ meldete sie sich.
„Ah ja. Ich dachte mir schon, dass du es bist. Aha – und wann kommst du dann? Gut, dann schau ich noch mal bei Mama vorbei. Vielleicht braucht sie ja noch etwas. …Ja, nicht lang, um zwanzig Uhr bin ich sicher wieder da. – Ja gut – dann – Tschüss!“

Sie legte auf und überlegte kurz. Richtig, die neue Frau im Spiegel wollte ihre Mutter haben. Sie ging ins Wohnzimmer, nahm die Zeitschrift vom Tisch und steckte sie in ihre schwarze für-alle-Tage-Tasche. Dann schlüpfte sie in den Mantel, nahm den Schlüssel vom Haken und verließ die Wohnung. Die lag im zweiten Stock, aber es war ein altes Haus mit Mezzanin, deshalb musste sie drei Stockwerke laufen.

Abgesehen von der Schlepperei mit den Einkäufen, lebte sie aber gern hier, obwohl es keinen Lift gab. Bis zu den Haltestellen von Bus und U-Bahn war es nur ein Katzensprung und zur Mariahilferstraße lediglich ein paar Minuten zu Fuß. Hinter dem Häuserblock führten ein paar Stufen in den Esterházypark. Tagsüber war es ganz nett dort. Man konnte sich auf eine Bank in die Sonne setzen, das üppige Grün genießen und entspannen. Abends nutzte sie den Park manchmal um den Weg zu ihrer Mutter abzukürzen, denn am frühen Abend gingen auch viele andere Leute durch den Park. Nach der Rushhour allerdings, mied sie diese Abkürzung, denn die Grünfläche war nachts ein Treffpunkt für Süchtige und Gestrandete aller Arten.
Jetzt aber, war es gerade neunzehn Uhr vorbei, deshalb bog sie nach der Haustür rechts um die Ecke und steuerte die Stiegen zum Park an.

Schon von weitem sah sie neben dem Stiegenaufgang einen weißen Lieferwagen. Er stand schräg, mit einem Rad auf dem Gehsteig und sie dachte zuerst an einen kleinen Unfall. Dann erst tauchten zwei hektisch gestikulierende Männer auf. Zu aufgeregt irgendwie, wegen einem kleinen Blechschaden. Sie verlangsamte ihre Schritte. Hatten sie den davor geparkten Wagen beschädigt? Was würden sie tun? Und bevor sie eine Antwort auf diese Frage finden konnte, stiegen die Männer ein und fuhren weg.
Als sie die Stelle vor den Stufen erreicht hatte, warf sie einen Blick auf den geparkten Wagen, aber sie konnte keinen Schaden feststellen. Na gut, dachte sie, ist ja nichts passiert und setzte ihren Weg durch den Park fort.

Auf dem Rückweg, es war nun doch später geworden, weil sie für ihre Mutter noch ein paar Besorgungen gemacht hatte, nahm sie die Gumpendorferstraße, aussen am Park vorbei. Etwa hundert Meter vom heimatlichen Häuserblock entfernt, sah sie abermals den weißen Lieferwagen. Und kurz darauf auch die beiden Männer, die hektisch und irgendwie aufgeregt, prall gefüllte, blaue Säcke aus dem Nachbarhaus trugen und sie in den offenen Lieferwagen warfen.
Irgendetwas an der Art wie sich die beiden bewegten, wie sie Gesten und kurze Worte, wie Schüsse, austauschten, warnte sie. Etwas Verbotenes lag in der Luft. Deshalb wechselte sie auf die linke Straßenseite. Versuchte so zu tun, als ob sie nichts bemerkt hätte. Entließ diese Männer aber nicht aus ihren Augenwinkeln. Möglichst aufrecht und zielstrebig, wollte sie an ihnen vorbei gehen. Denn sie musste vorbei, wenn sie nicht einen sehr großen Umweg machen wollte.

Dort vorne, dreißig Meter hinter dem Lieferwagen, war die Ampelkreuzung. Zur Haustür würde sie ein kleines Stück zurückgehen müssen. Aber das schien ihr sicherer, als die Straße kurz nach dem Nachbarhaus zu überqueren, wo die Männer mit ihrem verdächtigen Säcke-verladen beschäftigt waren.
Sie fühlte eine merkwürdige Weichheit in den Knien, die es ihr schwer machte, unbeirrt auf ihr Ziel zuzugehen. Denn langsam nahm ein Verdacht in ihr Form an. Sie konnte nicht sagen, was es war, aber irgend etwas an diesen Männern mit dem Lieferwagen stimmte nicht.
So hatte sie die Höhe des weißen Kastenwagens fast erreicht. Ihre Ohren registrierten jeden Laut, der aus der Richtung des Lieferwagens kam. Den Kopf leicht geneigt, das Geschehen aus den Augenwinkeln weiter beobachtend, ging sie weiter. Was, wenn diese Männer sie als Gefährdung ihres Vorhabens einschätzten? Waren sie bewaffnet? Und dann? Was konnte sie tun? Niemand sonst war auf der Straße. Wahrscheinlich saßen alle bereits vor dem Hauptabendprogramm, dachte sie.

Zehn Schritte später seufzte sie verhalten auf. Nein, die Männer waren beschäftigt. Trugen hastig die Müllsäcke aus dem Haus und warfen sie in den Lieferwagen. Sie hatten es eilig, dachte sie. Viel zu eilig, um nur Müll weg zu bringen. Ihre Beine wollten die letzten Meter bis zur Kreuzung laufen, aber das wäre zweifellos aufgefallen. Auf keinen Fall wollte sie die Aufmerksamkeit der beiden Männer erregen. Also ging sie weiter, möglichst unauffällig, möglichst lautlos, möglichst unsichtbar. Zu dumm, dass Augenwinkel keine Fortsetzung am Hinterkopf finden, dachte sie. Ihre Ohren mussten leisten, was ihrem Blickfeld verwehrt blieb.

Sie überquerte die Straße, dann waren es nur mehr ein paar Schritte bis zur Haustür. Mit verhaltenen Blicken auf die Männer, griff sie nach dem Schlüsselbund in ihrer Jacke. Befühlte die Schlüssel der Reihe nach. Welcher war der Haustürschlüssel? Noch zehn Schritte. Den richtigen ertasten, lautlos aus der Tasche ziehen, einen kurzen, scharfen Blick darauf werfen und ins Schloss gleiten lassen. Jetzt! Drehung zur Haustür. Mit leicht geneigtem Kopf, fast geduckt, wagte sie einen kurzen Blick, zu den Männern. Dann zwang sie sich, dieses Bild loszulassen, um den richtigen Schlüssel ins Schloss zu stecken. War es der richtige? Eine halbe Drehung – die Tür gab nach. Geschafft, dachte sie und schlüpfte mit weichen Knien und klopfendem Puls hinein. Jetzt den Schlüssel abziehen, die schwere Eisentür schließen, sanft ins Schloss drücken, nicht fallen lassen. Dann atmete sie auf und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand.
Als sie die Augen wieder aufschlug, rückte im Schatten der Doppeltür eine dunkle Gestalt in ihr Blickfeld. Bewaffnet. Ihr Herzschlag setzte aus. Ein Schrei blieb ohne Laut an ihrem geöffneten Mund hängen. Sie hob den Blick und sah das Gesicht. Den warnenden Finger vor dem bärtigen Mund. Sieht dann irgendwelche Sterne auf den Schultern. Sterne? Gott sei dank, dachte sie, Polizei.

Dann suchte sie nach Worten für das eben Erlebte da draußen. Würde der Polizist ihr glauben? Was machte er überhaupt hier? Mit einer Handbewegung durchschnitt er ihre Gedanken. Erklärungen waren nicht gefragt. In ihre Wohnung sollte sie gehen. So rasch als möglich. Im nächsten Stockwerk begegnete sie einem weiteren Kollegen in Uniform, mit Schutzweste und Waffe im Anschlag. Er trieb sie zur Eile an. Rasch in die Wohnung und weg von den Fenstern zum Hof, war die Anweisung. Kaum hatte sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen, fiel ein Schuss. Endlich gab sie der Schwäche in den Knien nach und sank auf den Boden. Tief und bewusst atmete sie aus. Dann hörte sie Rufe, Schreie, noch ein Schuss aus der Richtung des Lichthofes. Dann kehrte Stille ein.

Eine Stunde später, sie hatte sich gerade eine Tasse Tee zur Entspannung eingeschenkt, kam ihr Mann nach Hause.
„Hey, ist doch später geworden als ich dachte“ begrüßte er sie.
„Sei froh, da hast du etwas verpasst.“
„Wieso?“
„Die Polizei war im Haus und es ist geschossen worden.“
„Was? Wieso, warum…?
„Ich weiß auch nicht, in den Nachrichten kam noch nichts darüber. Aber es war ziemlich gruselig.“ Und dann erzählte sie ihm, was sie vor dem Haus erlebt hatte.

Am nächsten Morgen, holte der Mann wie gewohnt die Tageszeitung vor dem Frühstück.
„Schau mal, es war schon ganz gut, dass du vorsichtig warst.“ sagte er und legte die Zeitung auf den Tisch.
Dort prangte in großen Lettern ‚Pelzräuber gefasst‘ und ‚Täter widersetzten sich in wildem Schusswechsel der Festnahme.‘