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Immer wenn ich morgens aufwache, sehe ich die alte Pendeluhr. Seit etwa drei Jahren glänzen ihre Messingteile goldfarben. Unten das vollmondförmige Ende des Pendels und ganz oben die Einrahmung des Zifferblattes. Das ist ihr einziger Schmuck. Sie ist nicht besonders selten oder kostbar oder schön, aber für mich ist sie etwas ganz Besonderes.

In meiner Kindheit und Jugend hing sie im Schlafzimmer meiner Großmutter. Und ich kann mich ganz vage an ihr seltenes, elegantes Ticken erinnern.
Nicht wegen meinem lückenhaften Erinnerungsvermögen, sondern wegen der Empfindsamkeit dieser Uhr. Sie reagierte wankelmütig auf Temperaturunterschiede, auf Raumfeuchtigkeit und kleinste Erschütterungen. Beim Großreinemachen zum Beispiel. Und bis heute habe ich den Verdacht, dass sogar die Stimmungen der Menschen im Haus ihren Lebenspuls mitbestimmte.

Als meine Großmutter starb, wollte diese unstete Uhr niemand haben. Denn eine Uhr war ja schließlich dazu da, um eine halbwegs korrekte Zeit zu zeigen.
Ich erinnere mich auch, dass meine Großmutter sie wenigstens zwei- oder dreimal zur Reparatur gegeben hatte. Immer mit dem gleichen Resultat. Manchmal ging sie, öfter aber nicht. Das war wohl auch der Grund, dass mit dem Nachlass, der Versuch einer weiteren Reparatur sinnlos schien.
Für mich aber war sie auch in diesem stillen Zustand etwas besonderes. Nicht nur weil sie meiner Großmutter gehörte, sondern auch wegen ihrer eigenwilligen und dezenten Art, an der Zeit teilzunehmen.

So hängten wir sie in unserem Schlafzimmer an die Wand. Gegenüber dem Bett. Dort wo ich sie beim Aufwachen zumindest sehen konnte. Auch in der Hoffnung, dass wir in der Senkrechte des Hakens ihre innere Mitte finden könnten, um schließlich ihren sensiblen Puls in Gang zu bringen. Ab und zu wenigstens. Aber sie hielt das Geheimnis ihres in Gang Kommens für sich.
Vielleicht müsste sie einmal gut gereinigt und geölt werden, war mein nächster Gedanke. Denn schließlich hatte sie bereits Jahre keinen Ton von sich gegeben. Also brachten wir sie ins Mekka des Uhr-Wissens. In die Uhrmacherschule nach Karlstein.
Einen Monat später, standen wir mit dem Leiter der Schulwerkstatt vor der frisch gereinigten und gut ausbalancierten Pendeluhr. „Sehen sie, jetzt geht sie“, sagte der Lehrmeister. „Aber ich kann nicht sagen wie lange. Sie ist eben sehr empfindlich. Eine Monatsuhr eben.“

Zuhause hängten wir sie wieder an ihren Platz im Schlafzimmer und richteten sie sorgfältig aus. Nun freute ich mich, wenn sie leise tickte und vermisste sie, wenn sie still blieb. Die Zeit verging stockend und lückenhaft oder fließend und stetig.

Bis zu jenem Zeitpunkt, als unser Sohn beschloss Uhrmacher zu werden. Im zweiten Jahr seiner Ausbildung nahm er sie mit, um ihrem Räderwerk auf den Grund zu gehen. Die alte, eigenwillige Uhr hatte ihren Meister gefunden. Folgsam und zuverlässig geht sie seither mit der Zeit. Minute um Minute, Stunde für Stunde und Tag um Tag.