Heute habe ich zwischen all den Schreibaufgaben wieder einmal bei der Frau Squenz vorbei geschaut. Um diese Jahreszeit ist ja das meiste geerntet, es wird früh dunkel und man sitzt dann gerne zuhause vor dem Ofen und sucht sich irgendeinen Zeitvertreib. Die Frau Squenz zumindest. 

Vielleicht geht es Ihnen aber auch so wie mir, dass nämlich die angeblich stillste Zeit des Jahres überhaupt nicht stiller ist als die Monate zuvor. Im Gegenteil. Gegen Ende des Jahres scheint sich alles zusammen zu drängeln was ich das ganze Jahr über vor mir hergeschoben habe.

»Jo stimmt« meinte die Frau Squenz »da Ernstl hod a imma glaubd, dass si die Rechnungen vun alanig zoin waunn as im Schubladl vaschwindn losd. Und daunn hod a si großmächtig gwundat, waunn sovü Mahnungen kumman san.«¹

Kein schlechter Vergleich, denke ich mir. Aber gerade in den letzten Wochen vor Weihnachten scheint sich die Zeit schneller zu drehen, die Termine häufen sich und die Dinge die zu erledigen sind vermehren sich exponentiell wie eine Mäusefamilie. Ja gut, ganz so arg ist es vielleicht nicht, aber es kommt schon mal vor, dass ich nach Luft schnappe. 

Ja ich weiß, das Meiste davon habe ich mir selbst eingebrockt. Denn niemand zwingt mich diesen Blog zu schreiben, niemand außer mir sagt: Der Roman muss bis Ende des Jahres geschrieben sein. Niemand wird wahrscheinlich reklamieren, wenn es mal eine Kurzgeschichte weniger ist und natürlich ginge die Welt nicht unter, wenn ich die sozialen Plattformen etwas vernachlässige. Möglicherweise würde Letzteres auch kaum jemand auffallen. 

Trotzdem gehört all das zum Schreiben und Autorin sein dazu. Es macht ja auch Spaß. Meistens zumindest. Da aber das Schreiben und die zugehörigen Nebenfahrbahnen mein hauptsächlicher Zeitvertreib ist, werden Sie sich sicher nicht wundern, wenn ich mir eine kleine Auszeit bei der Frau Squenz gönne – denn dort ist es wirklich so still wie es angeblich zur Jahreszeit passt. Ich gehe sogar so weit zu glauben: wenn ich die Frau Squenz nicht hätte, könnte ich mich gar nicht mehr erinnern was Stille ist. Sie denken ich übertreibe?

Heute zum Beispiel, es war bereits finster, habe ich sie in ihrer Küche angetroffen. Am Tisch stand ein dampfendes Teehäferl und die Frau Squenz saß da unter der Vierziger-Birne der Hängelampe und schnippelte an einem gefalteten Blatt Papier herum. Eine Weile habe ich ihr einfach nur zugesehen und stellte dabei allmählich fest, wie all die Dinge, die in meinem Kopf geschäftig herum gekreist waren, wie Papierflieger davonsegelten und irgendwo in einer dunklen Ecke der Stube niedersanken. Das war so entspannend, dass ich beinahe eingeschlafen wäre. 

Während ich der Frau Squenz beim Ausschneiden zusah, erinnerte ich mich daran wie ich als Kind ebenfalls stundenlang Papiersterne ausgeschnitten habe. Immer wieder fielen mir damals neue Variationen ein wie ich das Papier falten könnte, um noch tollere Effekte zu erschaffen und noch raffiniertere Schnitte setzen zu können. Meinen ganzen Ehrgeiz und Fleiß, meine ganze Ausdauer habe ich eingesetzt um etwas zu gestalten, das sich von vorhergehenden Kreationen abhob. 

Anschließend lagen die Werke eine Zeitlang herum, bis sie schließlich im Ofen landeten und in Flammen aufgingen. Verschwendete Zeit? 

Na ja, mir drängt sich da ein Bild auf das ich in einer Dokumentation über ein tibetisches Sandmandala gesehen habe. Wenn nämlich das bunte, wunderschöne Sandbild fertig war kamen ein paar Mönche mit kleinen Besen und kehrten die ganze figurative Pracht auf einen reizlosen, langweiligen Haufen zusammen. Da könnte man ja auch sagen – was hat das für einen Zweck, oder?

»Oiso mia mochts imma so schen in Kopf leer. Es is als ob die Uhr stehn bleibm tät. .. waunn i ane hätt.«² sagte die Frau Squenz. Da kann ich ihr nur beipflichten. 

Manchmal steckt in sinnlosen Beschäftigungen scheinbar mehr Sinn als man oberflächlich vermuten würde, nicht wahr? 

Eine Uhr ohne Zeiger

Übersetzung:

¹»Ja stimmt« meinte die Frau Squenz »Der Ernstl hat auch immer gedacht, dass sich die Rechnungen von alleine bezahlen wenn er sie in der Schublade verschwinden lässt. Und dann hat er sich großmächtig gewundert, wenn so viele Mahnungen gekommen sind.«

²»Also mir macht das immer so schön den Kopf leer. Es ist als ob die Uhr stehen bleiben würde … wenn ich eine hätte.«