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Liebe Clara,
Habe ich dir schon erzählt, dass ich einen Roman schreibe? Ja, wirklich!
Es gibt schon einen Plot, einen Anfang und ein Ende und einige Szenen dazwischen. Ich kann dir sagen, da steckt viel mehr Arbeit dahinter als gedacht. Bisher habe ich ja nur Kurz- und Kürzest-Geschichten geschrieben. Ausgangspunkt war immer eine Idee – oft buchstäblich vom Himmel gefallen – und dann habe ich drauflos geschrieben. Chronologisch vom ersten Satz bis zum letzten.

Von der Idee zum Roman

Roman schreibenMit dem Roman ist das anders. Es soll ja Autoren geben, die auch den Roman Seite für Seite, vom Anfang bis zum Ende schreiben. Andere, angeblich viele Krimiautoren, rollen ihre Geschichte vom Ende her auf. Für mich funktioniert beim Roman schreiben beides nicht. Oder besser gesagt, ist es von allem etwas. Bist du verwirrt? Ich nicht – Gottseidank. Also mit meinem Romanprojekt war/ist es so:
Zuerst setzte sich eine Idee, genauer gesagt die Hauptfigur mit einer kleinen Geschichte auf meinen Schreibtisch. Und ich dachte, super, das wird eine skurrile und spannende Kurzgeschichte. Aber kaum hatte ich das aufgeschrieben, kam ein weiteres Bild, nein – eine ganze Szene. Je länger ich den unglaublichen Geschichten der Frau Skvenc (meiner Protagonistin) zuhörte, desto mehr wurde mir klar, dass diese Geschichte weit länger und größer werden würde, als zuerst angenommen. Ein ganzer Roman eben.

Figurenentwicklung

Und für einen Roman musste ich natürlich mehr über diese Frau Skvenc wissen. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Wie ist sie geworden die sie ist? Welche Ereignisse und Konflikte haben sie geprägt? In welchem Umfeld ist sie aufgewachsen? Wo ist ihre Familie geblieben? Wer sind ihre Freunde und hat sie überhaupt welche? Warum ist sie alleinstehend? Wie ist sie Hausmeisterin geworden? Und warum zum…, sitzt sie da am Dach und weiß keinen anderen Ausweg mehr als sich umzubringen?
Ziemlich viele Fragen, liebe Clara, ich weiß. Aber wie du schon vermutest, nicht die einzigen und nicht die letzten. Zuallererst lud ich die Frau Skvenc zu einem Interview ein. Ja, ich erfuhr einiges über sie und nebenbei ein paar weitere Geschichten. Aber über ihre Kindheit zum Beispiel, hielt sie sich bedeckt. Wie die Beamten bei vielen Behörden, wollte ich wissen, wo sie geboren oder aufgewachsen war. Und weißt du was sie gesagt hat Clara? In einem kleinen Dorf, hinter dem Neusiedlersee – nahe der ungarischen Grenze. Mehr war nicht aus ihr herauszubringen.

Recherche vor Ort

Also bin ich losgefahren und habe mich auf die Suche gemacht. Im dritten Ort wurde ich fündig. Ich wusste es sofort, als ich vor der Greisslerei parkte. Und stell dir vor, da stand doch so eine große Infotafel am Parkplatz, über die geschichtsträchtige Brücke des Ortes. Ich sah das Bild, las über ungarische Flüchtlinge und war seltsam berührt und voller Neugier. Also fuhr ich über einen laaangen, einsam gelegenen Wirtschaftsweg, den nur Fasane und Hasen kreuzten, zur beschriebenen Holzbrücke. Dort angekommen erfuhr ich, dass die vierjährige kleine Petra Skvenc mit ihrem Vater Imre Toth, über eben diese Brücke nach Österreich kam.
Merkst du Clara, wie sich durch die Eingangs erwähnten Fragen ein ganzes Leben auftun kann? Natürlich war an dieser Brücke nicht Schluss, denn die kleine Petra war ja schon vier, als sie nach Andau kam. Und deshalb stand dann die Frage im Raum: woher kam sie? Wo war sie geboren? Wer waren ihre Eltern? Und überhaupt… verdammt… wo war ihre Mutter geblieben?
Ich will dich jetzt nicht mit weiteren Fragen langweilen – aber du siehst schon, Antworten bekommt man nur, indem man fragt (Wie im richtigen Leben). Mitunter dauert es etwas mit den Antworten, manchmal hilft die Intuition, manchmal kommen die benötigten Infos aus dem Netz oder Büchern oder aus Interviews mit „Experten“ und manchmal kommt man der Geschichte auf die Spur, indem man einen bedeutenden Ort aufsucht. Du hast es erraten liebe Clara, die Reise ins Burgenland war nicht die einzige und wird wahrscheinlich auch nicht die letzte sein.

Weitere Lücken haben sich gefüllt, indem ich die Frau Skvenc in alltägliche bis haarige Situation gebracht habe. Was passiert zum Beispiel wenn ich sie einkaufen schicke? Wie ist sie unterwegs – zu Fuß, mit der Bim – wie weit ist überhaupt ihr Aktionsradius? Worauf reagiert sie wütend? Eine Szene in welcher sie einen kleinen Unfall hat… usw. Der Phantasie sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt. Und siehe da, die Figur Petra Skvenc wird immer menschlicher und greifbarer. So findet sich nicht alles davon im Roman wieder, aber es nützt meinem Verständnis, meinem Gespür für die handelnde Figur. Der großartige Nebeneffekt solcher Übungen, so manche spannende Stelle für den Roman schreibt sich auf diese Weise fast von selbst.
Das alles ist wirklich sehr spannend und glaub mir, ich habe viele Notizbuchseiten mit solchen Ideen und Infos gefüllt. Manche haben sofort ins Puzzle gepasst, andere habe ich als Idee aufbewahrt und wieder andere als nicht passend verworfen. Frau Skvenc auf meinem Schreibtisch sitzend, hat dazu genickt oder energisch den Kopf geschüttelt oder verschmitzt gegrinst.

Der Plot

Einen Roman schreiben

Auf jeden Fall ist auf diese Weise ein Muster entstanden. Ein Lebensmuster sozusagen. Und natürlich sind mit der Lebensgeschichte von Petra Skvenc noch andere Menschen aufgetaucht, mit weiteren dringenden Fragen. Und jetzt weiß ich, dass meine Hauptfigur in ihrer Andauer Kindheit und Jugend eine dicke Freundin hatte, die aber wegen einer Liebesgeschichte ihre erbittertste Feindin wurde. Du ahnst es schon, so entstand mein Plot, den ich Ereignis für Ereignis aufgeschrieben habe.

Und jetzt muss ich die grob strukturierte Geschichte ‚nur mehr‘ szenisch ausarbeiten, meinst du? Sozusagen wie man Wäschestücke auf die Leine hängt oder sich an den Herd stellt und kocht, nachdem man alles eingekauft hat? Hmmm, nu ja… im Prinzip schon…
Manche Passagen schreiben sich leicht dahin, manche werfen Detailfragen auf und dann heisst es wieder recherchieren und weitere Fragen stellen. Oder Frau Skvenc fragen und sehen ob der Puzzleteil ins Bild passt. Du siehst also, so ein Roman macht wirklich Arbeit – aber auch schaurig viel Vergnügen. Bist du schon gespannt Clara? Ich auch, liebe Clara, ich auch. Ja wirklich!

Bis bald,
deine schreibwütige Riki