Am 24. Dezember um neun Uhr dreißig, wurde bei den Zach’s abrupt die Haustür aufgerissen.

»Jetzt geh schon, beeil dich! Ich weiß sowieso nicht wie ich bis heute Abend mit allem fertig werden soll.«

»Aber Mechthild, Hildchen… Der Robert mit seiner Akiko wird ja wohl ausnahmsweise mal Gans essen können. Sushi und das ganze Reiszeugs haben sie ja ohnehin die ganze Zeit.«

»Nein, er hat ausdrücklich gesagt, dass die Akiko sich wenigstens mit dem Essen heimisch fühlen soll und jetzt diskutier nicht herum sondern geh endlich. Es ist noch soviel zu tun, dass ich gar nicht weiß wo mir der Kopf steht. Die roten Tischdecken sind noch nicht gebügelt und geputzt ist auch noch nicht. Hach! Ganz zu schweigen vom Kochen. Für die Valerie muss es vegan sein und die Tante Marlies isst nur Lowcarb, aber ohne Fett natürlich. Kannst du mir sagen wie ich das mit der Gans machen soll? Also werde ich ihr wohl ein Steak braten und weil das ja schlecht mit Rotkraut und Knödel zusammenpasst muss ich für sie wieder etwas extra machen. Der Kurt ist Diabetiker, da gehen die Semmelknödel natürlich überhaupt nicht und die Weihnachtsbäckereien schon dreimal nicht. Aber Weihnachten ohne Stollen und Kekse ist ja kein Weihnachten, sagt er. Also muss ich noch ein paar Zimtsterne für Zuckerkranke machen. Als ob es nicht reichen würde, dass ich für Lieschen glutenfrei kochen muss. Gott sei Dank ist jetzt nicht auch noch Saison für Erdbeeren, sonst müsste ich für den David auch noch eine Extrawurst machen. Ich weiß gar nicht wieso ich mir das jedes Jahr antue. Dank hat man ja keinen. Alle schlagen sich den Bauch voll und dann lassen sie sich für den Rest des Jahres nicht mehr blicken. Also nimm schon den Korb und fahr jetzt endlich!«

Damit schob Mechthild ihren Mann, der sich inzwischen fertig angezogen hatte, zur Tür hinaus und hielt ihm den Korb hin.

»Aber die Sushiplatte nicht vom Supermarkt, sondern vom guten Japaner in der Glockengasse! Verstanden?«

Berti Zach nahm den Korb und ging den kurzen Weg durch den Vorgarten auf das Gartentürchen zu. Mechthild schaute ihm angespannt nach, als ihr Blick auf die beiden drallen Gartenzwerginnen fiel, die unter einer ganzen Gesellschaft aus bunter Keramik den Vorgarten schmückten.

»Und räum die zwei schamlosen Schnepfen weg wenn du zurückkommst. Da muss man sich ja genieren, wenn das jemand sieht. Mir reicht schon, dass du diese ganze Kitschfamilie hier vor der Haustür versammelst… und ständig werden es mehr. Man kann ja gar keinen Schritt mehr vor die Tür setzen ohne über so einen lächerlichen Zwerg zu stolpern. Hast du gehört Berti? Die Zwei kommen weg, sonst mach ich Stückwerk aus ihnen!«

Berti blieb kurz stehen und nickte resigniert, als hinter seinem Rücken die Haustür mit einem Knall ins Schloss fiel. Dann ging er zu seinem Wagen, verstaute den Einkaufskorb auf dem Rücksitz und fuhr schließlich davon. 

Stille legte sich wieder über den Vorgarten.

»Pfff… Schnepfen hat sie uns genannt. Hab ihr gehört? Schnepfen!«

»Ja, ja, sie kann uns halt nicht leiden, die Kneifzange.«

»Die kann überhaupt niemanden leiden.«

»Und den armen Berti kommandiert sie die ganze Zeit herum.«

»Na ja, wenn er sich das auch gefallen lässt. Ich hätte schon längst…«

»Ich wüsste ja gern warum sie jedes Jahr zu Weihnachten so ein Theater macht wenn die Familie kommt.«

»Tzsss, ich würde ja gar nicht erst kommen. Das ganze Jahr über beklagt sie sich, dass keiner vorbei kommt und zu Weihnachten macht sie so einen Aufstand, dass jeder für ein ganzes Jahr genug hat.«

»Weihnachten ist halt ein Familienfest.«

»Ja schon, aber deswegen muss man ja nicht gleich hysterisch werden. Ausserdem kann man sich’s ja auch einfacher machen. Aber für die Frau Zach muss es ja immer ganz perfekt sein.«

»Tja, wenn das nur zu Weihnachten so wäre würde ja keiner was zu sagen haben.«

»Das stimmt! Diese reizbare Fuchtel ist das ganze Jahr so.«

»Genau. Die kann sich ja selber nicht leiden.«

»Und uns erst recht nicht«, fügte ein Zwerg mit Fernglas beleidigt hinzu. »Aber sie muss uns ja auch nicht mögen. Dafür haben wir ja den Berti.«

Betroffene Stille trat ein. Schließlich schwenkte ein Zwergenmädchen, das auf der untersten Treppe stand, ihr ‘MeinGarten’ Schild und trat unschlüssig auf der Stelle.

»Kann sie denn gar niemand von euch leiden?«

Die Zwerge richteten ihre Knubbelnasen störrisch gen Himmel.

»Aber das ist ja schrecklich!«

»Was verstehst du denn davon? Da kannst du überhaupt gar nicht mitreden. Du kennst sie ja noch nicht so lang. Wir dagegen kriegen diese Wetterhexe schon jahrelang mit. Jedes Jahr der gleiche Stress kann ich dir sagen und wenn die Bescherung vorbei ist, sind alle froh, dass sie endlich gehen können.«

»Wie traurig! Kein Einziger der sich darüber freut, dass sie sich die ganze Arbeit gemacht hat?«

»Nein, bestimmt nicht. Und du kannst mir glauben, dass wir so einiges zu hören bekommen, hier im Vorgarten.«

Aus dem Haus war schon eine ganze Weile der Staubsauger zu hören, als das gleichmässige, pfeifende Gedröhne von einem dumpfen Poltern unterbrochen wurde.

»Ha, jetzt ist sie wohl über das Kabel gestolpert, die alte Schreckschraube.«

»Und hat sich hoffentlich das Genick gebrochen!«

»Wie könnt ihr denn so etwas sagen. Vielleicht ist sie verletzt und braucht Hilfe.«

»Na und? Was geht uns das an?«

»Aber es ist Weihnachten und wir haben doch eine Verpflichtung zu helfen.«

»Ja sicher, aber nicht bei der. Die ist ja schon tagelang, ach was sag ich, wochenlang vor dem vierundzwanzigsten unausstehlich. Man kann ja nicht einmal Nachts sicher sein, dass sie schläft. Vor vielen Jahren haben wir das ja gemacht und sie hätte uns beinah erwischt. Nein, nein, das Risiko ist zu hoch.«

»Wirklich? Das ist wirklich zu dumm!«

»Ja wirklich! Deshalb tun wir uns das nicht noch einmal an. Und deshalb helfen wir lieber der Nachbarin. Die ist nämlich dankbar für unsere Hilfe und neugierig ist sie auch nicht!«

»Vielleicht ist sie ja deswegen so frustriert, weil sie euch damals verscheucht hat und vielleicht bereut sie das schon längst. Habt ihr daran schon gedacht? Ich verstehe ja, dass ihr damals Kopf und Kragen riskiert habt. Sowas will man ja nicht nochmal erleben. Aber jetzt liegt sie vielleicht da drin und braucht Hilfe.«

Ein Brummeln ging von Zipfelmütze zu Zipfelmütze, als der alte Zwerg unter dem Kirschbaum, dem die Haube bis zur Nase heruntergerutscht war, sich zu Wort meldete: »Sie hat recht. Wir können die Haubitze ja nicht ihr Leben lang für einen einzigen Fehler verantwortlich machen.«

Die Zwerge maulten noch ein bisschen herum und zierten sich, aber der Alte sagte gebieterisch: »Schluss jetzt! Wir schauen jetzt nach.«

Als sie im Flur standen sahen sie die Bescherung: Mechthild lag kopfüber quer über den letzten Treppenstufen, mit dem Staubsauger zwischen den Beinen. Der Schlauch schlängelte sich wie eine Anakonda über ihren Bauch und die Brust und endete mit der Saugdüse an ihrem linken Ohr. Das Kabel schlang sich mehrmals um ihr rechtes Bein, womit sie wohl den Stecker herausgerissen hatte. 

»Und? Ist sie…«

»Nein, bewusstlos.«

»Ei, das wird eine schöne Beule geben.«

»Also gut. Du passt auf, dass sie nicht wach wird!«, sagte der Alte zum Zwergenmädchen mit dem ‘Garten’ Schild. »Am liebsten mag sie: Schlaf Kindchen… Du weißt schon.«

Das Mädchen nickte ernsthaft ob der verantwortungsvollen Aufgabe, setzte sich neben Mechthilds rechtes Ohr und begann mit feinem Stimmchen zu singen.

Wenig später roch es nach Gebratenem und Gebackenem. Das ganze Haus war erfüllt mit den Düften von Zimt und Kardamom und Honig und Orangen und Vanille.

»Fertig!«, meldete der greise Zwerg Stunden später. Dann ging er zu Mechthild, die noch immer auf den Stufen lag und den Gesang des Zwergenmädchens hörte. Ihre Augen waren geschlossen aber ein glückliches Lächeln hatte ihr Gesicht verwandelt.

»Gut gemacht! Du kannst jetzt aufhören« sagte der Alte zufrieden. »Es wird Zeit, dass wir hier wegkommen bevor Berti zurückkommt.«

Als Berti eintraf lag seine Frau noch immer auf der Treppe. 

»Mechthild! Hildchen! Mein Gott, was ist den passiert?«

»Was… wie…?«

»Hast du dir weh getan?«

»Ahhh, mein Kopf…« Sie befreite sich von der Staubsaugerschlange und rappelte sich langsam auf.

»Was riecht denn da so… hast du…?«

»Aber nein, ich habe doch die Sushiplatte geholt. Bin gerade erst…«

Mechthild stand auf und ging schnuppernd durch den Flur in Richtung Küche. Dort blieb sie in der Tür wie angewurzelt stehen. Alles blitzte vor Sauberkeit. Der Tisch war gedeckt und die Speisen fertig. 

Zum ersten Mal seit langer Zeit traten Rührungstränen in Mechthilds staunende Augen.

»Berti – schau die das an! Das ist ja wie Weihnachten. Ach Berti!«

»Es ist ja auch Weihnachten Mechthild. Es ist ja auch Weihnachten.«