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Die Nachmittagssonne sandte warmes Licht durch die kleinen Fenster der sonntäglichen Stube. Kaffeeduft hing in der Luft, vermischt mit zart, süsslichem Kuchenaroma. Ein Marmorguglhupf stand in der Mitte des Tisches, denn Sepp Oberberger und seine Frau Anna hatten Besuch.
„Wiafüü Henna hosdn jetz?“ fragte Sepp.
„Na, so sechstausend werdns wohl sein“, meinte sein Schwager Wilhelm.
Bei so einer Zahl konnte es schon sein, dass man den Überblick verliert, dachte Sepp. Er selbst wusste genau, wieviele Hühner er auf seinem Hof hatte. Sechsundzwanzig Hennen und drei prachtvolle Hähne. Einige hörten sogar auf Namen und folgten seiner Frau auf Zuruf.
„Do muast jo aufpassn dasd kans datritst, waunnst durchn Hianagoartn zum Stoll muasst“, mischte sich Sepps Frau Anna ein. Wilhelm lachte laut auf.
„Na, na, so arg is es ned. Die laufen ja ned ganz so frei herum. Mir ham a Halle gebaut, mit hunderten von Boxen. In ana jeden Box fünf, sechs Hühner. Automatische Fütterungsanlage und Ei-Ablage-Rinnen. Ja da schaust, Anna. I hab doch gsagt, es macht kaum Arbeit und vor allem jede Menge Gewinn.“ Dass er für die Anlage Kredite aufnehmen musste und dass es einige Jahre dauern würde, bis er alles abgezahlt hatte, darüber schwieg er, denn über Geld spricht man nicht, das hat man einfach.

„Und woher kriagst so an Haufn Fuada?“ Wollte Anna nun wissen. „Wennsd kane Föda mehr hosd, muasst doch ois zuakaufn? Und is des ned vü teira?“
„Ah, da muss ma halt rechnen. Alles a Frage der Kalkulation. Ja, zukaufen müss ma freilich scho, aber des Futter wird scho fertig gmischt in Säcken gliefert. Mir müssen es nur in an Sammelbehälter leeren und von dort wirds automatisch an die Boxen verteilt. Und die Eier brauch ma nur mehr einsammeln. Dabei is jedes Ei frisch, weil die Hühner ka Gelegenheit habn sie zum verstecken.“
„Maria und Josef, a Eia-Fabrik!“ Sagte Anna fassungslos.

Sepp Oberberger rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. Er fasste mit seinen großen Händen die Tischkante, stemmte den Oberkörper gegen die Rückenlehne der Eckbank und atmete hörbar aus. Das hörte sich ja wunderbar an und doch war ihm nicht ganz wohl bei der eben gehörten Geschichte. Konnte das Geld so leicht verdient sein? Wo war der Haken?
Sepp war auf einem Bergbauernhof aufgewachsen. Er hatte gelernt, dass der Lohn der Arbeit immer mit Zeit und nicht zu vergessen mit Mühe und Fleiß verbunden war.

„Übrigens, mit der Futtermischung wachsen die Hühner a schneller. I hab’ euch ein Sack voll mitbracht, ihr könnts es selba ausprobieren.“ Wilhelm verschränkte zufrieden die Arme. Dann lehnt er sich wieder mit den Ellbogen auf den Tisch.
„Ihr solltets überhaupt a bissl modernisieren. Heutzutag muss ma auch als Bauer a Spezialist sein, sonst bleibt ma übrig. Die ganze Plackerei, von morgens bis abends. Was habts denn schon davon?“
„Na immerhin lebn ma davon!“ Kommt es kurz angebunden von Sepp.
„Ja, ja, kann schon sein. Aber meinst nicht, dass des Lebn a bissl leichter sein könnt für euch? Zum Beispiel mit ana Waschmaschin für die Anna? Vier Kinder machen a Menge schmutzige Wäsch und jetzt kommt ja bald noch a fünftes.“ beendet Wilhelm seinen Vortrag, mit einem Blick auf Annas gerundete Taille.

„Des ois muass jo a Schippl Göd kostn,“ warf Anna ein, „woher sull mas denn nehman, waunn ned stöhln?“
„Na, stehlen braucht mans scho ned. Es gibt schließlich Banken und wenn ma Grund und Boden hat, is die Finanzierung mit an Kredit ned so schwierig. I hab ja auch einen. Alles schon abgezahlt“ prahlte Wilhelm. „Wenn ihr so weitermachts, werds ihr irgendwann am Hungertuch nagen. Und euer Ältester wird auf nix hoffen können.“
Sepp schob energisch die Kaffeetasse von sich weg. „Moch da kane Surgn, mir kumman scho zrecht. I muass jetz des Viech vasurgn.“ Dann stand er auf und holte die Gummistiefel aus der Ecke neben der Tür.
„Also, i muss sowieso jetzt gehen,“ erhob sich nun auch Wilhelm, „und wenn ihr was brauchts, i helf euch gern. Ah so, ja… das Hühnerfutter stell i euch in die Scheune. Pfiatdi Anna, machs guat Sepp.“
Damit nahm er gut gelaunt seinen Hut und verließ die Stube. Kurze Zeit später hörte man durch das offene Fenster seinen Puch G die Straße hinunter rollen, bis die zunehmende Entfernung das Geräusch verschluckte.

Sepp und Anna, standen in der Haustür und sahen ihm lange nach.
„A Woschmaschin wär scho gaunz praktisch“ überlegte Anna.
„Vielleichd hobn ma jo nächsts Joahr drei Kälba. Wenns bis duat hin kane Reparaturen gibt, könnt si die Woschmaschin scho ausgehn.“
„Jo, vielleicht.“ Sagte Anna und ging ins Haus um die abendliche Hausarbeit zu erledigen.

Sepp schlug den Weg zum Stall ein und kam dabei an der Scheune vorbei. Dort stand auffordernd, der Sack mit dem Hühnerfutter. Der Bauer blieb kurz stehen, bog zur Scheune ab und öffnete kurz entschlossen das „Geschenk“. Er tauchte die Hand in den krümeligen Inhalt und ließ ihn durch die Finger rieseln. Ein merkwürdiger Geruch stieg ihm in die Nase. Irgendwie roch es nach Fisch, fand er. Wenn die Hühner nichts anderes bekämen, würden sie es wahrscheinlich schon fressen, dachte Sepp. Dann packte er den Sack, stellte ihn in eine dunkle Ecke und ging in den Stall.

Irgendwann in den folgenden Jahren wurde für Anna eine Waschmaschine geliefert. Zu den fünf Kindern gesellte sich sechstes und eines nach dem anderen kam in die Schule. Seppl, der Älteste Sohn, wurde zum „jungen“ Sepp. Wie sein Vater versorgte er das Vieh, half bei der Heumahd und bearbeitete den Boden. Und eines Tages würde der junge Sepp den Hof übernehmen und selbst Bergbauer sein. Wilhelm kam noch öfter vorbei und erzählte von seinen Erfolgen und Neuanschaffungen. Seine Arbeiter-Hühner waren mittlerweile auf gut zehntausend Stück angewachsen und Wilhelm Thaler spielte eine gewichtige Rolle in der Gemeinde. Seine beiden Kinder gingen ins Gymnasium, in der nächsten Stadt und die Familie machte regelmäßig Urlaub am Meer.

Immer wieder versuchte er, auf die Vorteile der Spezialisierung zu verweisen, doch Sepp blieb beharrlich dabei, dass Geld nicht so schnell verdient sei und der Traum vom Reichtum ebenso schnell wie eine Seifenblase platzen kann.
Anna hatte aus reiner Neugier, das geschenkte Hühnerfutter wohl eine Zeit lang ausprobiert. Doch als sich Sepp eines Morgens ein Frühstücksei wünschte, schob er es angewidert von sich. Er mochte kein Ei das nach Fisch roch und seine Familie auch nicht. Seitdem stand der Sack in seiner dunklen Ecke der Scheune und hatte es bald, hinter einigen alten Brettern und nicht gebrauchten Gerätschaften noch dunkler. Die Spinnen woben ein Netz des Vergessens darüber.

Eines Abends saß Sepp Oberberger nach getaner Arbeit auf der Eckbank in der Stube und las die Zeitung.
„Host scho die Heitige glesn, Anna?“
„Naa, nur die Übaschriftn. – Wos san eigentlich Salmonellen?“ Anna, die am Herd stand, drehte sich um.
„Woaß i a ned. De schreibn, dass es mitm Heahnafleisch und die Eier ztuan hod und dass die Leit davon kraunk werdn.“
„Oba vun di unsrigen Heahna is no kane kraunk wurdn.“ Anna kam zum Tisch und setzte sich auf einen Stuhl. „Und vun die Eia aah ned.“
„Jedenfois, wulln die Leit jetz weder Eier no Heahnarfleisch kaufn und die Massenbetriebe bleibn drauf sitzn. Denare Heahnerfarmen mochn jetz Pleite … dei Bruader Wülhem is aah dabei.“
„Aaaa geehhh, …der oame Wülhem!“
„Jo, saudumm glaufn, jetz kaunna wieda vun vurn aunfaungan. Oba er wird sis scho richtn. Do moch i ma kane Surgn.“
„Jo woarscheinlich, irgendwie holt a si immer die Rosinen ausm Guglhupf.“ merkte Anna an und wandte sich wieder den Kochtöpfen zu.
Sepp stand auf, ging vor die Haustür und setzte sich auf die grün gestrichene, alte Bank unter dem Südfenster. Der Herbstabend war mild und die umliegenden Gipfel färbten sich goldgelb. Von Osten zog schon der Nebel herein und breitete sich wie ein weiches Federbett über das Tal. Und auf dem Hof pickten die Hühner das verlorene Getreide auf und kratzten nach Regenwürmern.