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Anna ist auf dem Weg in den Keller. Feucht und kühl atmet es von dort unten herauf. Das Licht der schwachen Glühbirne reicht gerade so weit, wie sie ihren Weg zum Kartoffellager finden kann. Links und rechts bleiben die Ecken und Winkel in schauriges Dunkel gehüllt. Sie will nicht wissen wie die Spinnweben an den schimmelnden Ziegeln kleben und wo sich die zugehörige Spinne gerade aufhält.

„Geh schnell und hol mir eine Schüssel Kartoffel aus dem Keller“ hieß der Auftrag, der keinen Widerspruch zuließ. Schon das Wort „Keller“ machte Anna Gänsehaut und weiche Knie. Und bei jedem dieser „Keller-Aufträge“ überlegte sie, wie sie den Gang in die Unterwelt des Hauses so schnell als möglich hinter sich bringen konnte.
Laufen, ohne anzuecken, drei Stufen auf einmal nehmen?
Fast unten angekommen, riecht sie den beissenden Staub der Kohle, vermischt mit dem Geruch von Heizöl. Modrig und säuerlich steigen ihr die letzten Reste von Wurzelgemüse, eingelegten Gurken und den letzten morschen Äpfeln in die Nase. Die übrig gebliebenen Äpfel in den Kisten zeigen ein armseliges Bild ihrer einstmals knackigen Frische.

Bei diesem Anblick erinnert sie sich daran, dass der Apfelbaum am Hang bereits Früchte trägt. Lackgrün noch, aber saftig und aromatisch. Immer wenn sie daran vorbeiging, fühlte sie sich von diesen Frühäpfeln unwiderstehlich angezogen. Aber es galt vorsichtig zu sein. Am liebsten hätte sie eine Tarnkappe, um ungesehen ein oder zwei Äpfel in ihrer Schürze verschwinden zu lassen. Unsichtbar für ihren Großvater der mit scharfem Auge über sein Gartenreich wachte.

Anna müsste herausfinden, wo er sich gerade aufhielt und sich dann flink wie ein Wiesel anschleichen. Ungesehen. Denn sonst könnte es sein, dass Großvater plötzlich wild gestikulierend am Hauseingang, am Küchenfenster oder unten im Hasengarten auftauchen würde und „wirst du wohl gehen!“ riefe. Oder drohend die Sense schwang, mit welcher er gerade noch das erste Gras geschnitten hatte.
Es war ihr ein Rätsel was der Großvater mit diesen ersten Äpfeln vorhatte. Wollte er sie alle selbst essen? Bisher konnte sie das noch nicht beobachten. Oder Most aus den Früchten machen? Auch diesen Gedanken hält sie für unwahrscheinlich. Denn ein bis zweimal nach dem Sommer, kam immer ein einarmiger Bauer und lud behend ein großes Fass mit dem herb, säuerlichen Getränk vom Traktor, um es anschliessend in den Keller zu rollen.

Zum Einlagern waren diese Äpfel wirklich ungeeignet, das weiß sie. Denn sobald sie freundlich gelb wurden, waren sie mehlig und geschmacklos. Lackgrün hingegen schmeckten sie am besten, denkt sie, mit der vollen Kartoffelschüssel im Arm, am Weg nach oben. Wie also kommt sie am besten an jenen Apfelbaum, ohne von Großvater gesehen zu werden?
Vergessen waren die Spinnen in den Ecken und die klebrigen Ziegelsteine unter ihren Schuhsohlen. Vergessen auch der modrige Kellergeruch und die vergammelten Gemüsereste. Und vergessen war auch die Beklemmung und Furcht, die eben noch ihr Herz schneller schlagen ließ.
Auf dem Weg nach oben kreiste nur mehr ein Gedanke in ihrem Kopf: „Wie komme ich ungesehen an wenigstens einen dieser saftigen Äpfel?“