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Warum ich schreibe

Liebe Clara,

Nun bin ich nach langer Reise mit vielen Hindernissen endlich hier angekommen.

Schreiben anfangen  Gleich nach meiner Ankunft musste ich mich in der großen Schreib-Werkstatt melden. Darum hatte ich noch keine Zeit die Stadt zu erkunden. Auf dem Weg dorthin ist mir aber aufgefallen, dass es in jeder Straße eine öffentliche Bücherei und mindestens eine Buchhandlung gibt. Theater, Kino und Autorenzirkel. Stell dir vor, hier lebt man tatsächlich nur vom Schreiben.

Vor einer Stunde habe ich mich nun angemeldet, habe meine Papiere eingereicht und Anweisung bekommen, innerhalb von drei Tagen einen Fragebogen auszufüllen. Dann habe ich nochmals drei Wochen Zeit, an meiner Qualifikation zu arbeiten. Sie haben mir eine ganze Liste mit möglichen Einstufungen und Anforderungen mitgegeben.

Da gibt es zum Beispiel die Zahlenschreiber. Sie arbeiten oft in der Buchhaltung, im Rechenzentrum oder machen Statistiken. Kurz, sie haben ausschließlich mit Zahlen zu tun. Bereits in der Grundschule werden solche Talente herausgefiltert und darin trainiert, die richtigen Ergebnisse zu finden. Zwar habe ich auch schon Zahlen geschrieben, aber mit den korrekten Summen, hatte ich schon immer Probleme, wie du weißt.
Dann gibt es die Alltagsschreiber, welche in der Verwaltung gebraucht werden. Sie beschäftigen sich mit Bestellungen, Abschriften vorgefertigter Geschäftsbriefe, Lagerlisten, Anleitungen, Berichten und Gesetzestexten. Was sie schreiben, ist mir manchmal nicht ganz verständlich. Die Texte scheinen nach Regeln verfasst zu sein, dich ich noch nicht durchschaut habe oder gar nie begreifen werde. Einige besonders bemerkenswerte Schriftstücke sind beim großen Verlag in Glasvitrinen ausgestellt. Die Schreiber selbst, sollen angeblich eine eher untergeordnete Rolle spielen. Angeblich sage ich, denn wie kann das sein, wenn ihre Werke ganz öffentlich ausgestellt werden.

Dann sind da die Briefschreiber. Du hast es sicher erraten, sie schreiben Briefe. Auch für die Zahlen- oder Alltagsschreiber. Ausserdem verfassen sie auch Reden und Ansprachen für die anderen Klassen. Die meisten von ihnen, sagt man, sind einfach versierte Schreiber mit gutem Ausdruck. Mitunter aber, sollen darunter auch angehende Erzähler zu finden sein.
Für die Erzähler, möchte ich mich nun auch bewerben. Wie ich eingangs schon erwähnt habe, muss ich vorerst einen Fragebogen ausfüllen. Und die erste Frage lautet, du wirst es nicht glauben: warum ich schreibe?

Ich werde den Verdacht nicht los, dass von der Beantwortung dieser Frage viel abhängt. Würde sie sonst an erster Stelle stehen? Es wird wahrscheinlich nicht genügen, wenn ich schreibe, dass es mir einfach Spass macht. Obwohl es doch ganz genau so ist. Aber zurück zu den Einstufungen. Sicher bist du neugierig, welche Gruppen über den Erzählern stehen.

Als nächstes also folgen die Konstrukteure. Sie erfinden, oft über hunderte von Seiten, ganze Lebensgeschichten. Durchaus mit unseren Romanen zu vergleichen. Allerdings mit dem Unterschied, dass ihre Geschichten durchwegs fesselnd und lesenswert sind. Du würdest dich also nicht darüber beklagen müssen liebe Clara, dass der Autor über gut hundert Seiten nichtssagenden, einführende Erklärungen abgibt und dann endlich mit der eigentlichen Handlung beginnt. Die du vielleicht niemals erfährst, weil du das Buch bereits vor diesem Augenblick im untersten Fach deines Nähkästchens verlegt hast. Zu schade, dass du nicht hier sein kannst. Sonst könnten wir gemeinsam diese Welten entdecken.

Die nächste Klasse, die Dramatiker brauche ich dir nicht zu erklären – sie schreiben Theaterstücke. Dabei gilt es als besondere Kunstfertigkeit, mit minimalem Aufwand und größtmöglicher Wirkung das Publikum zu überzeugen.

Wirklich interessant wird es wieder mit den Drehbuchschreibern. Ja natürlich schreiben sie auch für Filme. Aber es ist wirklich kaum zu glauben, jeder hier kann sich ein solches Drehbuch aussuchen, nach dem er leben möchte. Manche benutzen ihr ganzes Leben lang dasselbe. Andere wieder, bewegen sich immer innerhalb eines Genres oder versuchen sich an zwei oder drei unterschiedlichen Geschichten und die gänzlich Virtuosen, wählen vollkommen verschiedene Bücher. Natürlich gibt es solche für Kinder, für pubertierende Jugendliche, für die Berufseinsteiger, Familiengründer, Großeltern, Senioren und so weiter. Und glaube es oder nicht, es ist dabei ganz egal, wie alt man gerade ist. Meistens funktionieren diese Lebensgeschichten gut. Aber es kommt auch immer wieder zu Pannen, wie du dir unschwer denken kannst.
Ein Fahrgast in der Schwebebahn hat mir erzählt, dass er sich eine Liebesgeschichte mit Familiengründung ausgesucht hatte. Aber der Autor hat leider vergessen, dass er ihn zu Beginn der Geschichte als nicht zeugungsfähig beschrieben hatte. Stell dir mal vor liebe Clara, welche Schwierigkeiten dem Fortgang eines solchen Drehbuches bereitet sind. Und selbst, wenn eine Lösung gefunden wird… ist sie dann noch glaubhaft, wenn sie nachträglich eingeflickt ist?

Allen Aufstiegswilligen wird übrigens empfohlen, mehrere Drehbücher zu absolvieren, um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln.

In der letzten Stufe, stehen dann die Dichter. Mit oder ohne Reim, sind sie in der Lage, die Essenz einer Begebenheit mit Rhythmus, fast möchte ich sagen, mit Musik zu versehen und in höchster Kunstfertigkeit die Worte aneinander zu reihen, bis sie mit einem Mindestmaß an Vokabular direkt den Kern der Botschaft ansteuern. Sie genießen hier die höchste Popularität und ihre Portraits sind allgegenwärtig. Du kannst mir ruhig glauben, liebe Clara. Ihre Schriften und Lesungen rufen wahre Begeisterungsstürme hervor, sie werden gefeiert wie Popstars. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass viele unserer Lyriker und Poeten von dieser Berufung nicht leben können. Hier sind sie wahre Helden im Literaturhimmel. Leider liebste Clara, wird mir dieser Himmel wohl nie aufgeschlossen werden.

SchreibnotizenSo werde ich mich weiterhin den Erzählungen widmen. Du weißt wieviel Freude ich daran habe Geschichten zu erfinden. Oder Wirklichkeit und Fiktion so sehr zu vernetzen, verknüpfen und verweben, bis man tatsächlich glauben könnte: so wird es passiert sein.
Einer langweiligen Begebenheit Spannung verleihen, aus einem schlechten Ende ein gutes machen und umgekehrt. Unscheinbare Menschen werden Sieger und die Bösen Verlierer. In einer Geschichte ist alles möglich – so lange man die richtigen Worte findet. Genau das ist es, warum ich gerne schreibe.
Aber dir brauche ich das nicht zu erzählen, du kennst mich ja, liebe Clara. Wie hätte ich mich auch sonst in diese Stadt gewünscht. Allein schon der vielen Bücher wegen, möchte ich hier bleiben, so lange es möglich ist.

Wer weiß, liebe Clara, vielleicht schaffe ich den Aufstieg in die Klasse der Erzähler und danach, möglicherweise die der Konstrukteure und dann zu den Dramatikern und…
Nein, nein… man soll seine Sterne nicht zu hoch hängen, das wäre vorläufig zuviel gewünscht, liebe Clara und man soll das Schicksal nicht unnötig herausfordern.
Übermorgen muss ich also zuerst den ausgefüllten Fragebogen vorlegen, und dann kommt die Arbeit für die Qualifikation. Halte mir also die Daumen. Ich melde mich, sobald ich wieder etwas neues weiß.

Liebe spannungsreiche Grüße deine hocherfreute Riki