Nicht selten ist es so, dass sich ein Weg schon lange, lange abzeichnet, ohne sich unterwegs dessen bewusst zu sein.

Niemals hätte ich in früheren Jahren daran gedacht Autorin zu werden. Endlich schreiben zu können war mir aber schon vor meinem sechsten Lebensjahr ein großes Bedürfnis. Meine Deutschnoten waren jedoch eher durchschnittlich und Aufsätze haben mich zutiefst gelangweilt. Wie kam es also, dass ich nun meinen ersten Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht habe und nun am Romanprojekt sitze und ganz nebenbei noch an einem Theaterstück arbeite?

  1. Weil alles ein gutes Ende nimmt – Märchen: Die Geschichten meiner Kindheit waren Grimms- und Andersens Märchen. Ich glaube, daher habe ich die innere Überzeugung, dass am Ende alles gut wird, auch wenn es noch so schlimm aussieht. Und, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen kann. Ausserdem haben diese Geschichten mein Kopfkino befeuert in welchem bis heute nicht “Ende” über die Leinwand flimmert.

    Kind schläft mit Geige und Teddy

    Einschlafen mit Geschichten und manchmal fiel wohl eine Geige vom Himmel.

  2. Drama die Erste:  Erste Bühnenerfahrung habe ich mit der Rolle des Rotkäppchens im Wohnzimmer gesammelt. Mit dem riesigen Brotmesser hatte ich die Aufgabe der ‘Großmutter’ ein Stück Kuchen abzuschneiden und schnitt mir dabei derart in den Finger, dass das Stück ein abruptes Ende fand.

    Kind in Verkleidung

    Rollenspiele mit Verkleidung

  3. Mein Reich der Geschichten: Das Schönste am Schulbeginn war für mich endlich selbst lesen zu können. Das Zweitschönste – ich durfte mir Bücher aus der Schulbibliothek ausleihen. Diese Bibliothek war nicht besonders groß deshalb fühlte ich mich wie im Himmel, als ich mich endlich in die Stadtbibliothek einschreiben konnte.
  4. Drama die Zweite: In den letzten beiden Schuljahren hatte ich Gelegenheit in zwei Theaterprojekten mitzuwirken. Es waren sehr kleine Rollen und ich hatte so großes Lampenfieber, dass ich von der Aufführung nicht viel mitbekommen habe. Trotzdem wollte ich von nun an Schauspielerin werden, denn ich liebte es Gedichte und Geschichten vorzulesen. Dass man Texte auswendig lernen muss, hatte ich großzügig übersehen.
  5. Lebensgeschichten und Dramen: Wann immer sich eine Gelegenheit bot, lauschte ich mit gespitzten Ohren den  kleinen und größeren Dramen von anderen Menschen. In der Straßenbahn bot sich mir täglich Gelegenheit zu beobachten. Ich spielte Beruferaten und teilte den Menschen Familien zu. Manchmal stellte sich heraus wie sehr ich mich geirrt hatte.
  6. Es singe wem Gesang gegeben: Singen war neben dem Lesen und den Geschichten immer meine große Leidenschaft. Im Kirchenchor nahm mein Singen den Anfang, später trällerte ich Lieder und Opernarien bei der Gartenarbeit. Vor allem die Dramen der Oper hatten es mir angetan. Kein Wunder also, dass mein zweiter sehnlichster Berufswunsch Opernsängerin war.

    Riki Wunderer singt

    Blick zum Dirigenten beim Chorkonzert. Bis heute singe ich, in Zukunft hoffentlich bald wieder gemeinsam.

  7. Inszenierung mit der Kamera: Lerne etwas Anständiges hieß es dann, also war mein nächstes Ziel Fotografin zu werden. Jung, naiv und gefräßig, landete ich dort wo ich nie hin wollte nämlich im Verkauf und wurde Fotokaufmann. Aber ich saß praktisch an der Quelle aller Ausrüstungen und so war es kein Wunder, dass ich fast nie ohne Kamera aus dem Haus ging. Später inszenierte ich tatsächlich mit Kamera, zwei Projektoren und Musik meine Leinwand-Geschichten. Heaven and Hell von Vangelis zum Beispiel.

    Riki fotografiert

    Damals analog – und bis zur Entwicklung blieb es oft spannend.

  8. Familiengeschichten: Als Mutter erlebte ich sämtliche Berg- und Talfahrten die zum Muttersein dazugehörten. Zu den schönsten Momenten gehörten aber die abendlichen Vorlesezeiten. Pu der Bär, Ferkel und I-Aah und viele, viele andere Figuren wandelten durchs Kinderzimmer und weckten neuerlich meine Lust an Drama und Theater.
  9. Drama die Dritte: Weil die Schulzeit, diesmal aus meiner Muttersicht, wenig Erfreuliches bot, gründete ich eine Theatergruppe für Kinder, damit mein Sohn und ich wieder etwas zu Lachen hatten. Gemeinsam entwickelten wir Stücke, für die ich dann die Texte schrieb und auch sonst allerhand auf die Beine stellte.

    Mutter und Sohn im Rollenspiel

    Im Stück “Der Mond” mit meinem Sohn auf der Bühne.

  10. Theater ich komme: Und dann wollte ich es genau wissen. Wie funktionieren Rollen auf der Bühne, Szenenentwicklung, Dramaturgie, Schminke, Requisiten, Regie …kurz, Theaterarbeit. Nach vielen Kursen, Workshops und Lehrgängen wusste ich es … na ja, ungefähr. Ich erspielte mir mehrere kleine Szenen und am Ende ein Solostück mit sieben Personnagen: Frau Squenz – Da Opfl foid ned weit vum Staumm (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm).

    Frau Squenz

    Die Geburtsstunde der Frau Squenz im Sommernachtstraum.

  11. Umwege bereichern die Ortskenntnis: … sagt man ja. Deshalb wohl, sah ich einige Jahre meinen Weg nicht im Theater oder Geschichten erfinden, sondern in der Elterrnberatung. Neben der Theaterpädagogik machte ich also eine Ausbildung zur Lebensberaterin und beleuchtete nicht eben so nebenbei auch meine eigene Geschichte. Was für ein Gewinn! Denn das führte mich geradewegs zurück zu mir selbst.
  12. Ich bin ich: Nicht das ‘kleine ich bin ich’, sondern das Große. Jenes Ich in mir, das leidenschaftlich Geschichten, Romane und Theaterstücke im Kopf hat und zu Papier bringt. Also schreibe ich.

    Riki Wunderer

    Was aus mir geworden ist.

Einer meiner Partner hat mich einmal eine Dramaqueen genannt. Obwohl das damals nicht gerade freundlich gemeint war, ist es doch auch wahr. Denn kleine und größere Dramen, eigene und fremde, wahre und erfundene, haben mir den Weg gewiesen. Dahin, was ich jetzt bin: Autorin.