Zum Jahreswechsel habe ich wie viele Andere zurückgeschaut. Wie war mein 2021? Was hat mich aufgehalten, was weiter gebracht? Persönlich und im Schreiben natürlich. Kann man ja nicht wirklich trennen. Was war schließlich mein Résumé daraus und wie will ich in das neue Jahr losmarschieren? In welche Richtung? In welchem Tempo? Mit welchen Pausen?

Wenn ich nun meine Erkenntnisse auf ein Wort zusammenkochen will, so bliebe als Essenz daraus: Vertrauen.

Vertrauen, dass ich zum aktuellen Zeitpunkt alles habe und alles bin, was ich zum los- und weitergehen brauche. Auch zum Schreiben. Vertrauen darauf, dass mir Wachstumschancen begegnen werden und vertrauen, dass sich dazu die passenden Türen öffnen werden.

Was mich nicht nur beim Schreiben herausfordern wird weiß ich jetzt schon. Meine Ungeduld schneller, tiefer, vielfältiger, mehr ich zu sein. Kurz anders zu sein und zu schreiben als ich gerade bin oder es sein kann. Einerseits ja gut, denn wo käme ich hin, wenn ich restlos zufrieden wäre mit mir? Zuviel der Ungeduld ist allerdings auch nicht angebracht, denn es macht mich ziemlich unentspannt. Kein Zustand den ich mir für einen Schreibflow wünsche. Dieses Los- und Dahinschreiben, in welchem die Ideen auf das Papier fließen und die Zeit zeitlos wird.

Deshalb habe ich mir dieses eine Wort für 2022 nicht nur in mein Journal geschrieben sondern auch ein Bild dazu gemalt und über meinem Schreibtisch aufgehängt. Damit ich mich bei Gelegenheit daran erinnere: Vertrauen, Atmen, Vertrauen …

Die Frau Squenz habe ich auch gefragt, ob sie vielleicht auch so ein Leitwort für 2022 hat. Ihre Antwort während sie Nüsse aufknackte: »Jo, heit!« Also »heute«. Auf das Fragezeichen in meinem Gesicht fügte sie hinzu: »Heit is jetz!«¹

Da ich wusste, dass es die Frau Squenz mit dem ›Heute‹ und ›Jetzt‹ in ihrem Alltag nicht gar so genau nimmt, war ich einigermaßen erstaunt. Natürlich wollte ich sie mit diesem Widerspruch aus meiner Sicht nicht kompromittieren und antwortete mit einem ratlosen »hmmm«.

Die Frau Squenz klaubte mit spitzen Fingern die Nusskerne aus dem Schalenhaufen und legte sie feinsäuberlich in eine geblümte Schüssel. Die versprengten Schalen kehrte sie mit dem Handrücken auf ein ordentliches Häufchen zusammen. Als ob sie meine Gedanken hätte lesen können, sagte sie dann »Zwischen heit und jetz muass hoid a a Pause Plotz hobm. Heit gült a fia Pausn oda Obwechslung. Sunsd warads jo laungwalig.«²

Dann stand sie auf nahm ihren Schlüssel vom Bord und sah mich auffordernd an. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl kannte ich schon, also folgte ich ihr nach draußen. Das nenne ich spontan, dachte ich unschlüssig und überlegte ob ich an den Schreibtisch zurückkehren sollte. Schließlich wartete dort eine Menge Arbeit auf mich. Während ich dort stand und überlegte drehte sich die Frau Squenz noch einmal um und meinte: »Wollns ned mitkumman? Is so schen heit draußen.«³

War das nun so ein Moment, so eine Tür, welchen ich vertrauen wollte?

Nun, ich bin der Frau Squenz durch einen wunderschönen Föhrenwald gefolgt. Über mir dunkelgrüne Nadeldächer, diffuse Stämme in der Ferne voran, dazwischen wintermüde Grasbüschel und unter meinen Füßen weißumrandete braune Blätter und Ästchen die mit jedem Schritt knisternd brachen. Scharf und klar die Luft, vermischt mit harzigem Rindenduft. Kein blauer Himmel sondern Grau. Keine milde Wintersonne sondern schattenloses Sepia-Bild. Still und unaufgeregt. Und dann begann es leicht zu schneien. Alles zusammen nicht gerade das was man normalerweise unter – heute ist es so schön draußen – verstehen würde. Und doch auch schön. Anders schön eben. 

Hätte ich die einladende Tür nicht genutzt könnte ich jetzt nicht darüber schreiben. Vielleicht sollte ich meinem Wort ›Vertrauen’ für 2022 noch das ›heit‹ also ›heute‹ der Frau Squenz hinzufügen. Was meinen Sie?

Nüsse knacken gezeichnet

Übersetzungen:

¹»Heute ist Jetzt!«

²»Zwischen heute und jetzt muss halt auch eine Pause Platz haben. Heute gilt auch für Pausen oder Abwechslung. Sonst wäre es ja langweilig.«

³»Wollen Sie nicht mitkommen? Es ist so schön heute draußen.«