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Liebe Clara,

Vielleicht hast du beim Lesen meines letzte Briefes gedacht, dass meiner Phantasie wohl die Pferde durchgegangen sind. Möglicherweise sogar: „Die spinnt doch jetzt?“
Ok, ich geb’s ja zu, ich habe etwas übertrieben. Aber sei mal ehrlich, wäre so eine Welt nicht interessant? Eine, in welcher die Talente des Einzelnen einen guten Platz finden würden?
Aber lassen wir das. Ich habe dir ein paar Gründe zum Schreiben versprochen, die das Leben reicher machen – mit Ideen, mit Lust und Freude anfüllen. Und obwohl ich ja bloß meine eigenen Schreiberfahrungen mit dir teilen kann, könnten sie doch der Anstoß sein, das eine oder andere einmal auszuprobieren. Hier sind also meine persönlichen Gründe um zu schreiben:

Journal (Tagebuch) schreiben

Journal schreibenDas morgendliche Journal (oder auf altmodisch: Tagebuch) schreiben, ist mir seit langem ein lieb gewordenes Ritual geworden. Denn oft wache ich morgens auf und in meinem Kopf tummeln sich bunt durcheinander gemischt, die eben erst aufgewachten Gedanken. Ideen für eine Geschichte, ein Problem das es zu lösen gilt, Erledigungen und Einkäufe, eine Geschichte die ich gelesen habe, ein Erlebnis vom Tag zuvor und womöglich Aufgaben, die getan werden sollen. Kennst du das?
Das Journalschreiben, genauer gesagt, einfach drauflos schreiben, hilft mir Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Ich merke dadurch, wie mein Kopf frei wird. Manchmal tauchen dabei aber auch unerwartete Erkenntnisse oder neue Ideen auf. Sicher aber, ist es für mich eine Art Bewusstseins-Hygiene. Fast möchte ich sagen, eine Achtsamskeitsübung für mein Ich. Gelegentlich allerdings, kann es vorkommen, dass mein Tag hektisch und überstürzt beginnt. Dann bleibt mir keine Zeit zum Journal-Schreiben. Dann fehlt mir tatsächlich diese Hier-und-Jetzt-Zeit.
Deshalb liebe Clara, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, meinen Tag ohne Journal und Stift in der Hand zu beginnen.

Notizbücher mit Ideen füllen

Wahrscheinlich denkst du jetzt: Notizbücher? Mehrzahl? Reicht denn nicht eines?
Na gut. Offen gesagt, habe ich, wie sicher viele andere Menschen, mit einem einzigen Notizbuch begonnen. Heute, liebe Clara, habe ich aber tatsächlich mehrere. Ein ganz kleines, mit stets bereitem Bleistift, für alles was unterwegs nicht vergessen werden soll. Ideen, Recherche, Äpfel und Butter, Termine und Treffpunkte, Erlebnisse, Fragen, Antworten… kurz alles, was rasch irgendwo aufgeschrieben sein will, damit es nicht in den Tiefen der Gehirnsynapsen verschwindet.
Du meinst, dafür hast du eine Notizenapp auf deinem Handy? Ja klar, das geht auch. Ich persönlich schreibe lieber mit der Hand, als auf kleinen Mäusetasten zu tippen. Anschliessend kann ich zu Hause jedenfalls in aller Ruhe überlegen, wo ich die Infos einordnen und wieder finden will.
Abgesehen vom Journal und dem kleinen Notizbuch habe ich mittlerweile auch große, für Projekte und Themen. Für die Entwicklung von Romanideen zum Beispiel. Denn mein Gehirn ist ziemlich sprunghaft angelegt. Wenn ich zum Beispiel über dem Morgenjournal sitze, taucht plötzlich eine Idee für eine Geschichte auf. Schreibe ich einen Brief an dich, drängt sich eine Frage zu einer Romanfigur dazwischen. Und sogar bei der Arbeit mit der Buchhaltung kann es passieren, dass mir eine Antwort zu einem Problem einfällt. Anfangs habe ich wirklich versucht alle Geistesblitze in einem einzigen Notizbuch festzuhalten. Dann aber musste ich feststellen, dass ich zumindest viel Zeit für das Auffinden einer Notiz benötige, manchmal war ich auch frustriert sie nicht gefunden zu haben.
Deshalb habe ich nun mehrere Notizbücher. Und zwar eines für jede Roman-Idee (die schon einigermaßen Gestalt angenommen hat), für Schreibworkshops-, Themen- und Tipps, ein kleines, für Gedanken zur täglichen Achtsamkeitsübung und sogar eines zum Singen zum Beispiel. Denn wer weiss Clara, vielleicht wird aus Letzterem ja auch irgendwann mal ein Buch. Nur für die Briefe und Kurzgeschichten bin ich eine Zettelschreiberin. Irgendwie fließt es damit besser und lässt sich auch leichter abtippen.

Briefe an Freunde schreiben

Brief an FreundeAlso in erster Linie schreibe ich Briefe an dich, liebe Clara. Ich kann mich dabei an Zeiten erinnern, als das Briefe schreiben noch eine ganz alltägliche Sache war. Wirklich schön und wunderbar, um mit jemand Nahestehendem Gedanken, Wünsche, Erlebnisse, Kummer und Freuden auszutauschen. Wie spannend und herzerfrischend war es doch, von einer Freundin oder einem Freund, einen Brief im Postkasten zu finden. Etwas, das man nicht nur lesen, sondern sogar anfassen kann. Es hat etwas von – ich bin gerade hier oder da und ich lasse dich teilhaben. Schenke dir Zeit und Aufmerksamkeit, um etwas Erlebtes schreibend mitzuteilen.
Es hat also eine doppelte Wirkung. Sowohl für den Schreibenden, als auch für dich als Leserin zum Beispiel. Schade, dass die moderne Kommunikation das Briefe schreiben fast vollkommen verdrängt hat. Findest du nicht auch?

Schreiben als Therapie

Na gut, liebe Clara, Therapie ist Schreiben natürlich nicht. Aber aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass es mitunter durchaus therapeutisch sein kann. Im freien drauflos Schreiben, was vom Kopf-Bauch-Herzen direkt in die Hand fließt, gelingt nicht selten ein Perspektivwechsel. Oder es tauchen zu einem Problem plötzlich ganz neue Möglichkeiten auf. Weiß der Kuckuck, woher diese Ideen kommen. Aber das ist ja egal, Hauptsache man findet Alternativen, nicht wahr?
Manchmal erscheinen die Ideen einfach beim dahin schreiben. Ein Andermal, muss ich Fragen formulieren oder Umwege nehmen. Aber mit dem Loslassen des Problems, samt den vorgefassten Lösungen, ist meistens schon viel erreicht. Auch Dialoge mit Menschen können hilfreich sein. Da können mitunter erstaunliche Wendungen passieren. Häufig öffnen sich unentdeckte Türen und Fenster und neue Blickwinkel und Ideen fliegen mir zu, wie ein Schwarm munterer Vögel. Natürlich ist diese Art des Schreibens nur für mich allein gedacht und wird mit niemand geteilt. Nein, nicht einmal mit dir liebe Clara.

Geschichten schreiben

Notizen schreibenDazu liebe Clara, habe ich dir ja schon im letzten Brief geschrieben. Geschichten, öffnen mir Räume für Mögliches und Unmögliches. Denn in Geschichten ist alles möglich. Die Frage „Was wäre wenn…?“ hat mir dabei beispielsweise, schon oft wertvolle Dienste erwiesen. Diese Frage, lässt mich auch über das Wahre und Machbare hinausdenken. Ein lustvolles Spiel sozusagen, an der Wirklichkeit vorbei zu schreiben. Das verleiht meiner Kreativität Flügel. Manchmal stutze ich diese Flügel beim Überarbeiten etwas zurecht, ein andermal lasse ich die Geschichte fliegen.
Und so oder so habe ich Freude daran und hoffe, dass meine Geschichten dir ebenso viel Freude bereiten.