Und wenn, dann wozu Sein?

Solche Fragen, die bereits Shakespeare seinen Hamlet stellen ließ, hat die Frau Squenz bei meiner Lesung in Puchberg in den Raum gestellt. In diesem kleinen, feinen Raum blieben sie dann zwischen den Stühlen hängen. Sanft sanken sie nieder und schwebten wieder hoch, als Christian Suchy mit seinem Akkordeon zwischen den Geschichten musikalische Brücken schuf. Alles zusammen eine beinahe private Wohnzimmeratmosphäre.

Die Frau Squenz, diese Figur, die ich vor einigen Jahren für die Bühne erschrieben und erschaffen habe, fand letzteres auch. Besonders interessant fand ich persönlich aber, was Frau Squenz über sich und ihr Entstehen und Werden verlautbart hat. 

»Iwa sowos denkt ma normalerweise jo goa ned noch. A Autorin schreibd a Figur und sogd: stöll di do her und untahoid die Leit.«¹

Haben Sie sich schon einmal überlegt wie das wäre, wenn sich eine Figur aus einem Roman oder einer Geschichte plötzlich materialisiert, also unvermittelt vor Ihnen stehen würde? Und was diese Figur dann von ihrem Sein halten würde?

Ziemlich sicher lesen und schreiben wir ja Geschichten, weil wir in eine andere Welt eintauchen wollen. Nicht umsonst spricht man vom Kopfkino. Aber bei allem mitfühlen und mitfiebern, trotz all der schönen Bilder – es ist eben lediglich eine Reise die sich ausschließlich im Kopf abspielt. 

Wenn ich nun in einer Geschichte auf der letzten Seite angekommen bin klappe ich das Buch zu und greife zum nächsten. Natürlich beeindrucken manche Geschichten mehr und nachhaltiger, können unter Umständen sogar neue Perspektiven aufzeigen, Werte verändern oder Wissen erweitern. Aber nüchtern besehen sind es fiktive Welten in die ich ein- und aussteige wie es mir passt. Warum fühlt es sich manchmal nicht so an? Warum wirken manche Geschichten wie erlebte Welt? Also wenn mich eine Erzählung wirklich fesselt? 

Die Antwort drängt der Frage hinterher, denn für den Autor, die Autorin kam das Geschriebene, Geschilderte zumindest teilweise aus dem echten Leben. Sonst könnte man schlecht darüber schreiben, nicht wahr. 

»Des warad daunn so, wia fia die Ureinwohner vun Amerika ois sie des erste Moi a großes Segelschiff gsegn hobm. De hobm jo ah ned wissn kennan wia des Riesending am Meer haßd«², meinte die Frau Squenz. Und recht hat sie, was man nicht kennt kann man auch nicht benennen. 

Was ich mir als Autorin wünschen würde ist also dieser Effekt des Wiedererkennens. Dass das Erzählte so Wirklichkeitsnah als möglich bei Ihnen lieber Leser, liebe Leserin ankommt, selbst wenn es klar ist, dass die Geschichte frank und frei erfunden ist. Denn wir wollen zumindest glauben können: So könnte es passieren, nicht wahr?

Bei der Lesung ist es tatsächlich geschehen. Eine Figur die ich einmal entworfen hatte, die Frau Squenz eben, war sozusagen im echten Leben auf Besuch. Und sie hat sogar Fragen und Gedanken in den Raum geworfen über die selbst ich als Figurenschaffende noch nie nachgedacht habe. Über ihre Entstehung und Geburt zum Beispiel. Dass es die Frau Squenz gibt – und auch andere Figuren – die aber nie geboren wurden. Also so wie Sie und ich. 

»I kenn des ois ned … oiso afd Wöd kumman und groß werdn. I woa imma scho so wia i jetz bin, wal sie hod mi so gschriebm.«³ Sagte die Frau Squenz (mit ›Sie‹ meinte sie natürlich mich). Damit hat sie natürlich recht. Und ich gestehe, ich habe ihr nur eine sehr lückenhafte Kindheit und Jugend zugeschrieben. Selbstverständlich denke ich meistens, vor allem bei Hauptfiguren, über deren Biografie nach und manchmal sogar über die Umstände der Geburt, denn für den Verlauf der Geschichte könnte es von Bedeutung sein. Bei der Frau Squenz allerdings nicht.

Meistens geht es mir bei solchen Überlegungen zur Figur aber so, dass ich von bestimmten Eigenschaften ausgehe und dann quasi rückwärts forsche. Die Figur tut oder denkt etwas Bestimmtes und ich frage: Warum denkt oder tut sie etwas so und nicht anders? So lange bis ich in einem Schlüsselmoment ihrer Kindheit angekommen bin, der diesen Punkt erklärt. 

Die Frau Squenz hat keine solche »Geschichte«. Sie IST einfach. Und jedesmal wenn ich den Stift in die Hand nehme und einen Beitrag wie diesen schreibe, IST sie wieder neu. Kein Wunder, wenn die Frau Squenz ins Grübeln kommt, oder?

»I dagegen muass sein. Owa wos tua i do?«⁴, fragt sie sich deshalb. Darüber hinaus kommt sie ins Philosophieren, dass ja niemand so genau weiß wozu er eigentlich wirklich da ist auf dieser Welt. 

Und ehrlich gesagt kann ich diese Frage auch nicht annähernd beantworten. 

Aber vielleicht haben Sie ja eine Idee?

Offenes Buch mit Sanduhr

Übersetzungen:

¹»Über so etwas denkt man normalerweise ja gar nicht nach. Eine Autorin schreibt eine Figur und sagt: Stell dich da her und unterhalte die Leute.«

²»Das wäre gerade so, wie für die Ureinwohner von Amerika als sie das erste Mal ein großes Segelschiff gesehen haben. Die konnten ja auch nicht wissen wie dieses Riesending auf dem Meer heißt«

³»Ich kenne das alles nicht … also zur Welt kommen und groß werden. Ich war immer schon so wie ich jetzt bin, denn sie hat mich so geschrieben.«

⁴»Ich dagegen muss sein. Aber was tue ich da?«