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Der Bauer ging über das weite, ausgebrannte Land. Die Wiesen waren verdorrt, die Wälder vertrocknet oder verbrannt.
Er war einen weiten Weg gegangen, ehe er wieder heim gefunden hatte. Bilder von leergefischten Gewässern hatte er gesehen, Stein und Sandwüsten, Müllberge, Brackwasser und Dreck und verhungerte Tierkadaver hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Auf der Suche nach einer einzigen, fruchtbaren Insel war er weit und lange gereist. Gefunden hatte er Bilder die sich überall glichen. So hatten Hitze, Sturm und beißender Gestank nach Unrat und Aas ihm zugesetzt. Dennoch hatte er mit einem leise flüsternden Rest von Hoffnung den Heimweg angetreten.

Schon von weitem sah er das Haus auf dem Hügel. Sein Haus. Entschlossen schritt er aus. Der Wind trieb Plastikfetzen vor sich her. Ein großes, labberiges Stück blieb vor seinem Gesicht hängen, das er angewidert mit einer energischen Handbewegung wegzog und dem Sog des Windes überließ.
„Das Haus steht also noch.“, stellte er fest, als er endlich davor stand. Er öffnete die Tür und im gleichen Moment schlug ihm ein Windstoß die Klinke aus der Hand. Zögernd trat der Bauer ein. Staub und Spinnweben hatten sich der Wohnstatt bemächtigt. Er ging durch den Flur und betrat den Wohnraum. Dann ließ er den Blick schweifen. Verweilte kurz beim Esstisch, der Bilder von duftenden Schüsseln, Lachen und vertrauten Gesichtern wachrief. Bilder aus längst vergangenen Zeiten. Er seufzte auf und ließ seine Hand über die nahe Kommode streichen, die wie alles andere mit einer dicken Staubschicht bedeckt war.
Durch die zerborstenen Fensterscheiben fegte ein Luftzug und mit einem ächzenden Knall fiel die Haustür ins Schloss und löschte mit einem Schlag die Erinnerungen in seinem Kopf. Entschieden wandte er sich um und kehrte in den Flur zurück. Vor dem Spiegel, in dunkles Holz gerahmt, halb blind, machte er Halt.

„Dann lass uns das Werk beenden.“, sagte er forsch und verließ das Haus. Den Blick zu Boden gerichtet, schritt er in stetem Hin- und Her das Grundstück ab, bis er in etwa hundert Metern Entfernung fündig wurde. Zwischen den vom Wind frei gelegten Steinen gab es noch eine kleine Kuhle gefüllt mit ein wenig Erde. Er bückte sich und grub mit dem Finger ein kleines Loch. Dann griff er in seine Jackentasche und zog ein schmales Papiertütchen hervor. Sorgsam faltete er das offene Ende auseinander und ließ den Inhalt in das vorbereitete Loch fallen. Ein einzelnes Samenkorn. Sorgfältig schob er mit den Fingerspitzen etwas Erde darüber. Dann holte er aus der anderen Tasche eine Flasche heraus, die ein paar Tropfen letzten sauberen Wassers enthielt. Damit benetzte er die Saat.
Kaum hatte das Wasser die Erde berührt, breitete sich die Feuchtigkeit als dunkler Fleck aus und ein feiner Trieb reckte sich dem Licht entgegen. Rasch teilte sich der Spross und bildete zarte, fächerartige Rispen. Beinahe hätte ein heftiger Windstoß dem Schössling den Garaus gemacht. Aber der Bauer sprang behend vor die junge Pflanze und hielt seine Hände schützend über die Blätter, bis sie darüber hinausgewachsen und groß genug waren, um dem Sturmwind zu trotzen.

Eine Weile blieb der Bauer stehen, bis die grünen Wedel ihn überragten und am Boden endlich der rundköpfige Ansatz der Karottenwurzel zu sehen war. Dann nickte er zufrieden und ging zurück zum Haus. Dort durchquerte er abermals den Flur, erreichte wieder das Wohnzimmer und setzte sich auf einen Stuhl. Im leeren Rahmen des Fensters beobachtete er das Wachsen des Karottenkrautes und wartete, bis das Haus in dessen Schatten lag. Er lauschte. Ein leises Knistern war immer deutlicher zu hören, das stetig und unaufhaltsam zu einem kratzenden Knirschen anwuchs.
Der Bauer stand auf, ging zum Fenster und sah wie die Wurzel sternförmig den Boden sprengte und immer noch weiter wuchs.
„Dann ist es jetzt Zeit.“, sagte er und ging in den Flur. Vor dem Spiegel blieb er stehen. Ein altes, gegerbtes Gesicht blickte ihm entgegen. Hart und trocken wie die steinige Landschaft vor dem Haus.

Während die Karotte weiter wuchs und wuchs und sich immer tiefer in den harten Boden bohrte und tiefe Gräben und Schluchten aufriss, hob der Bauer die Hand und fuhr über sein fleckiges Spiegelbild.
„Das war wohl nichts.“, sagte er und wischte über das Abbild seines linken Armes, der Brust, den Hals, den Kopf, die verbliebene Hand, bis alles, bis auf seine Augen verschwunden war.
Die Karotte draußen wuchs und wuchs und sprengte bereits das Haus, als der Bauer, mit einer letzten Handbewegung die Augen seines Spiegelbildes löschte und sich im selben Moment auch selbst auflöste.