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Liebe Clara,
Manchmal kommt dem Schreiben das Leben dazwischen und es entsteht eine lange oder auch eine sehr laaaange Schreibpause. Oder du arbeitest an einem Projekt und plötzlich starrst du mittendrin auf das leere Blatt und suchst verzweifelt nach Ideen, wie es weitergehen könnte. Kennst du das?
Ich schon. Früher habe ich tatsächlich ein Blatt nach dem anderen, mit ein paar unfertigen Sätzen frustriert in den Papierkorb geworfen. Wie im Film. Was für eine Verschwendung von Papier und Zeit.

Heute liebe Clara, habe ich Gottseidank so viele Möglichkeiten kennengelernt, aus so einer Flaute wieder heraus zu kommen, dass die Schreibpause oder der Ideenstreik bald beendet ist. Und mein innerer Kritiker kann dann wieder beleidigt in seinem Loch verschwinden. Denn seien wir uns doch ehrlich, es ist ja dieser ewig nörgelnde Schweinehund, der mit ein paar gut wirksamen Glaubenssätzen daherkommt und so jede zart aufkeimende Idee erstickt und zu Tode kritisiert. Ich weiß ja nicht, was bei Schreibblockaden für dich funktioniert, aber ich mache seit geraumer Zeit folgendes:

Sperr den inneren Kritiker ein

Und gib ihm etwas zu Fressen. Hey, das funktioniert tatsächlich für mich, liebe Clara. Bestimmt weißt auch du ganz genau, wie dein innerer Schweinehund aussieht. Zeichne ihn, gib ihm einen Namen und zeig ihm dann sein Ebenbild. Sehr wahrscheinlich schaudert ihn sein Spiegelbild so sehr, dass er sich motzend in eine Ecke verkrümelt.

innerer SchweinehundWenn er aber noch immer keine Ruhe gibt, hilft oft ein scharfes „Platz!“ Du kannst ihm auch eine nicht sooo brillante Idee zum Frass vorwerfen, die er nach Belieben in klitzekleine Stücke zerpflücken kann. Bestätige und bestärke ihn ruhig darin, denn er liebt es ja, wenn er recht hat!
Glaub mir Clara, mein Kritiker ist dann so sehr damit beschäftigt, dass ich in aller Ruhe neue Ideen zu Papier bringen kann. Und nein, die müssen nicht perfekt ausformuliert sein – sie dürfen, oder müssen sogar holpern und stolpern, lückenhaft sein. Denn mittlerweile, liebe Clara, weiß ich, dass es viel leichter ist, so einen Rohtext zu überarbeiten und das, was noch fehlt, einfach kommen zu lassen.

Viel zu lange glaubte ich, dass das Schreiben Ähnlichkeit mit den Aufsätzen aus der Schule hätte: Man bekommt ein Thema in Form einer Überschrift und schreibt chronologisch vom Anfang bis zum Ende der Geschichte. Möglichst fehlerfrei, möglichst strukturiert und bitte schön, möglichst intelligent und einfallsreich. Spürst du nicht auch, wie unter diesen Bedingungen die Phantasie jämmerlich eingeht? Wunderst du dich noch, warum du mit leerem Kopf vor deinem leeren Blatt sitzt? Ich nicht.

Ideen zum Schreiben

Heute liebe Clara, schreibe ich ganz anders. So, wie ich mich häufig an mehr als einer Strickarbeit erfreue, liegen auf meinem Schreibtisch stets mehrere Schreibprojekte. Da, eine Idee für eine Kurzgeschichte, dort, der Rohtext für eine Romanszene. Dazwischen, ein Entwurf für eine neue Geschichte im Freewriting und dort wieder, ein Rohtext zum Überarbeiten.

Glaub es oder nicht liebe Clara, Ideen lassen sich nicht herbei beten oder bitten. Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt und ich habe jederzeit Stift und Papier bereit, um alles aufzuschreiben. Ganz gleich ob es um eine kurze Geschichte oder um meinen Roman geht. Irgendwann füllen sich dann die Lücken im Überarbeiten wie von selbst.

Hast du dir schon mal überlegt warum es in einem Atelier von Malern so chaotisch aussieht? Ich glaube, auch die pinselschwingenden Künstler malen im Großen und Ganzen nicht nach Plan. Denn so ein Malraum ist oft voll von unvollendeten Ideen. Ja sicher kommt es auch vor, dass ein Bild (oder eine Geschichte) in einem Rutsch entsteht. Aber die Regel ist das wohl nicht. Und kein Maler wird sich sagen „Jetzt ist dieses Bild dran und ich bleibe hier stehen bis es perfekt und fertig ist“. Nein wirklich Clara, ganz bestimmt nicht. Denn wie oft wurde in der Geschichte so eine Idee weggestellt, ist niemals fertig geworden oder wurde sogar übermalt.

Ich mache das mit meinen Geschichten ganz genau so. Alles hat eben seine Zeit und nichts lässt sich erzwingen. Die Kreativität schon gar nicht. Und ganz ehrlich Clara, seit mein Schreibtisch vor Ideen überquillt, bin ich viel produktiver geworden. Und ja, weil du gerade danach fragst: seit dieser Angewohnheit habe ich mehr Geschichten fertiggeschrieben als jemals zuvor.

Freewriting, Medizin gegen Schreibblockaden

Wenn ich meinem Schweinehund (ich nenne ihn Engelbert) klargemacht habe, dass er beim Schreiben von Rohtexten nichts zu melden hat, stelle ich die Eieruhr auf zehn Minuten und schreibe in dieser Zeit einfach drauf los. Egal was mir durch den Kopf geht, es kommt aufs Papier. Fertige und unfertige Sätze, belangloses und Geistesblitze.
Zeichensetzung, Rechtschreibung, Formulierungen, Wortwiederholungen, alles das ist mir in diesen zehn Minuten herzlich Wurscht. Zehn Minuten schaffst du auch, liebe Clara. Wetten? Es kommt schlichtweg nur darauf an in den Schreibfluss zu kommen. So ähnlich wie bei den Morgenseiten von Julia Cameron. Aber du musst nicht seitenweise schreiben, sondern brauchst lediglich zehn Minuten um deine Schreibhand in Schwung zu bekommen.
Wenn mir dabei nichts einfällt, so schreibe ich auch das, so lange bis die Einfälle wieder fliessen. Es wird dich jetzt vielleicht nicht überraschen, wenn ich dir verrate, dass so manche Idee zu einer Geschichte, mir nix dir nix beim Freewriting aufgetaucht ist. Freewriting, liebe Clara, ist wie Medizin für den Flow im Schreiben.

Schreiborte

Orte zum Schreiben

Hast du schon mal versucht im Bett zu schreiben, Clara? Ich habe das ausprobiert. Für mich klappte das irgendwie nicht. Aber Astrid Lindgren hat zum Beispiel viele ihre Texte im Bett geschrieben. Probier es aus, vielleicht passt es ja für dich. Experimentiere mit verschiedensten Schreiborten und Plätzen.
Ich zum Beispiel, habe schon im Garten, auf einer Parkbank, in der Küche, im Keller, im Zug, am Fluss, am Berg, in der Bücherei, im Studio und im Wald geschrieben. Wie Simone de Beauvoir und viele andere bekannte Autoren, habe ich auch schreibend in Cafés und Gaststätten gesessen. Ganz profan, schreibe ich natürlich auch an meinem Schreibtisch. Wenn aber der Schreibfluss stockt, hilft oft ein Ortswechsel.

Fragen bringen Schreibideen in Fluss

Ja tatsächlich liebe Clara, wenn mein Schweinehund (mein Engelbert) schläft, und ich einen anregenden Ort zum Schreiben gefunden habe, bringt meine Phantasie nichts so sehr in Schwung als eine anregende Frage. Wenn ich irgendwo in einer Geschichte hänge, frage ich nun nicht:
„wie kann es jetzt bloss weitergehen…?“

Sondern zum Beispiel:
„Was wäre wenn…?“
Ich spiele mit der Fortsetzung dieses Satzes, schreibe so viele Möglichkeiten auf, wie mir nur einfallen. Ich staune immer wieder über mich selbst liebe Clara, was da alles zum Vorschein kommt. Und obendrein macht es soviel Spaß ein wenig herum zu spinnen.
Auch Satzanfänge haben einen ähnlich produktiven Effekt. Nimm irgendein Bild, eine Situation, was immer gerade auftaucht auf der Leinwand in deinem Kopf.

Zum Beispiel:
„Als Mama die Schüssel auf den Tisch stellte, sagte sie…“ Oder
„Das Telefon klingelte drei Mal und dann…“ Oder
„Als die Straßenbahn um die Ecke kam, krachte…“
Merkst du schon, wie dabei das Kopfkino anspringt und vor allem, wieviel Lust du bekommst einfach los zu schreiben? Ich jedenfalls muss jetzt meinen Brief an dich beenden, denn da sind gerade ein paar Ideen für meinen Roman aufgetaucht und ich brenne darauf, alles hin zu schreiben.

Deshalb wünsche ich dir jetzt viel Vergnügen beim finden, erfinden und schreiben für deine Schreibprojekte.
Liebe Grüße und bis bald…