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Leo will Bewegung

Leo starrte missmutig auf das Bücherregal, das gegenüber von seinem Bett stand. Mama meinte, er könne ja etwas lesen, bis sie mit der Buchhaltung fertig sei.

Und jetzt wanderte sein Blick von Buchrücken zu Buchrücken und in seinem Kopf marschierte der Widerstand auf: „Gelesen, gelesen, gelesen… keine Lust… gelesen, interessiert mich nicht… gelesen, schon dreimal gelesen, gelesen, gelesen…“ denn er wollte etwas unternehmen. Jetzt, dringend, riefen seine Beine, sein Bauch, sein ganzer Körper.

Gestern war er beim Judo. Und obwohl er, so wie bereits alle anderen Kinder in der Gruppe, noch immer keinen gelben Gürtel hatte, war er mit Spaß dabei. Die Rolle vorwärts für diese Gürtelstufe wollte einfach noch nicht klappen. Aber Masaki, der Lehrer meinte nur, dass es bei dem einen eben schneller geht und bei anderen langsamer und hat ihm freundlich zugenickt. Deshalb freute sich Leo immer auf die Judostunde.

Aber Judo war gestern und heute war gar nichts, ausser Buchhaltung und Einkaufen. So hatte Mama keine Zeit und die Nachbarskinder saßen um diese Zeit noch bei den Hausaufgaben. Da tröstete ihn auch nicht, dass morgen sein Cousin Benny kommen würde.

Die Langeweile kroch die Beine hoch, rumorte in seinem Bauch, machte einen dicken Hals und veranstaltete schließlich ein Wutkonzert in seinem Kopf. Seine Arme und Beine schienen sich zu verselbständigen. Leo sprang mit unmutigem Stöhnen auf und lief in das Wohnzimmer, wo Mama mit ihren Rechnungen und Ordnern beim Esstisch saß.

Er wollte etwas unternehmen, etwas erleben, einen Ausflug machen und da lagen diese blöden Zahlen-Zettel am Tisch und machten ihm ratzfatz einen Strich durch sein „ich will…“.

Alles braucht seine Zeit

Mira - eine Mutter wie Du und ich - Riki Wunderer

Mira nahm den Ordner mit der monatlichen Buchhaltung vom Regal und legte ihn auf den Tisch, wo bereits nach Datum geordnet, die Belege aus dem letzten Monat und das Kassenbuch neben dem offenen Laptop lagen. Sie seufzte, weil das ja ein Teil ihrer Arbeit war, den sie am wenigsten mochte. ‚Aber es muss nun mal sein’ dachte sie gerade, als Leo herein polterte.

„Mir ist sooo langweilig“, jammerte er, „können wir nicht irgendeinen Ausflug machen?“
„Nein tut mir leid. Du siehst ja, ich muss noch all die Rechnungen verbuchen und abheften. Und das wird leider noch dauern. Aber danach können wir einkaufen gehen. Bis dahin musst du dich noch gedulden. Geh doch an die frische Luft!“
„Und wie lange dauert das noch mit dem Zetteln sortieren?“
„Also eine Stunde ganz bestimmt“, sagte Mira mit einem Blick auf den Stapel Rechnungen.
„Geh doch hinaus, es ist so schönes Wetter heute, vielleicht findest du im Garten eine Beschäftigung.“

Leo brummte unwillig und steuerte dann lustlos und träge auf die Haustür zu. Kurze Zeit später sah Mira ihren Sohn über die Wiese schlenkern. Es sah aus, als würde er jeden Moment über seine eigenen Füße stolpern. Jetzt schlenderte er auf die Schaukel zu, die vom Nussbaum hing und setzte sich auf das schwankende Sitzbrett. Dann nahm er mit den Füßen ein paar Schritte nach hinten Anlauf und versuchte, sich mit der Schaukel in Schwingung zu versetzen. Aber öfter als drei- viermal vor und zurück, gelang Leo einfach nicht. Mira sah wie Leo bald die Lust daran verlor, wie so oft, wenn er sich vergeblich mit etwas abmühte. Aber mittlerweile freute sie sich, wenn er es zumindest versuchte. Und sie erinnerte sich an die Worte der Ergotherapeutin: Alles was Leo freiwillig im Spiel tun würde und ihm Freude macht, würde seiner Bewegungsentwicklung und Geschicklichkeit gut tun. Mira atmete auf und wendete sich wieder ihrer Buchhaltung zu.

Als sie endlich fertig war und den Ordner mit den gebuchten Rechnungen wieder ins Regal stellte, sah sie Leo, wie er im Garten gerade der Katze des Nachbarn hinterher hechtete. In großen Sprüngen versuchte er die rot Getigerte einzuholen, die ihm immer um ein paar Leo-Längen voraus war. Fast schien es, als spielte sie mit ihm. Denn immer wenn der Abstand so groß war, dass die Katze in Sicherheit war, setzt sie sich und verharrte, bis Leo sie fast wieder erreicht hatte. Gerade jetzt, setzte Leo zu einem letzten großen Sprung an und landete, die Katze knapp verfehlend, mit ausgestreckten Armen flach auf der Wiese. Mira sah sich schon die Schachtel mit den Pflastern holen, da sprang Leo auf, wischte sich das Gras von den Händen und drehte sich nach der Katze um.

Es war schon merkwürdig, dass sich Leo noch nie ernsthaft verletzt hatte, dachte Mira. Denn die Art wie er sich bewegte, im Laufen, Springen, sich Drehen, wirkte immer ziemlich ungeschickt. Manchmal musste sie fast lachen, so komisch waren die unkoordinierten Bewegungen, wenn Leo ein Ziel ansteuerte. Wenn sie es nicht besser wüsste, so würde sie schwören, dass ihm der Schöpfer wohl zwei linke Arme und Beine hatte wachsen lassen.
Sie selbst hätte sich bei derartigen Unfällen wohl mindestens eine Sehnenzerrung zugezogen, dachte sie. Wenn nicht sogar den einen oder anderen Knochen gebrochen. Aber Leo landete, wie die Katze, praktisch immer irgendwie auf seinen Füßen. Und so kam höchstens die Pflasterschachtel zum Einsatz. Wahrscheinlich hatten sich ja auch die Judostunden bezahlt gemacht, wo die Jungs auch verletzungsfrei fallen lernten.

Dabei fiel Mira ein, wie beinahe ihr Herz ausgesetzt hatte, als Leo am Treppenabsatz gestolpert und einige Stufen hinunter gepoltert war. Oder als er auf den Nussbaum kletterte und wie ein nasser Sack vom Ast fiel. Als sie die Rettung gerufen hatte, weil Leo ganz benommen war. Im Krankenhaus hatte sich dann aber herausgestellt, dass Leo mit dem Schrecken davon gekommen war. Nach diesem Unfall war sie mit Leo trotzdem zum Osteopathen gefahren. Zur Sicherheit. Und am liebsten hätte sie ihren Sohn danach mit Helm, Gelenkschonern für Knie und Ellbogen und einer dicken Schaumgummirolle für den Körper geschützt. Mittlerweile aber, hat Mira gelernt tief durchzuatmen und zu vertrauen. Denn natürlich wusste sie, es gab keine absolute Sicherheit. Auch für Leo nicht. Das einzige was sie für ihn tun konnte war, ihm möglichst viel Gelegenheit zu geben seinen Körper kennen zu lernen.

Mira stellte die Einkaufstasche auf den Tisch und legte die Pfandflaschen hinein. Wo hatte sie bloß den Einkaufszettel hingelegt? Hoffentlich nicht zwischen all den Rechnungen im Buchhaltungsordner. Ihr Blick wanderte durch den Raum und entdeckte die Liste auf der Anrichte.

Als Mira wieder zum Fenster hinaussah, kletterte Leo gerade auf das Trampolin. Sie sah ihm beim Springen zu. Und da fiel ihr sein Fahrrad ein, das seit geraumer Zeit unbenutzt im Keller stand. Denn mit Stützrädern wollte Leo nicht mehr fahren, ohne jedoch, klappte es auch nicht. Er hatte große Schwierigkeiten gleichzeitig zu treten, zu lenken, in Balance zu bleiben und auf den Weg zu schauen. Deshalb hatte er zum letzten Geburtstag einen tollen Roller mit großen Rädern bekommen, damit er vor den anderen Kindern nicht blamiert sein sollte und vor allem herausfinden konnte, wie man im Gleichgewicht bleibt.
Mira dachte dabei an Sophie, Leo’s ältere Schwester. Sie war ausgesprochen geschickt und sportlich. Das Fahrrad schien wie für sie gemacht, denn sie flitzte schon mit vier Jahren mit Papa den Radweg entlang.
Sophie hatte in Leos Alter bereits das Freischwimmerabzeichen. Und obwohl Leo ein Wasserfrosch war, hatten seine Schwimmbewegungen wenig Ähnlichkeit mit den kraftvollen Bewegungen von Froschschenkeln. Auch beim Klettern war Sophie ihrem jüngeren Bruder um Seillängen voraus. Deshalb war Mira’s Tochter jetzt mit einer Alpenvereinsgruppe unterwegs und im Klettergarten übte Leo mit Papa noch an den leichten Aufstiegsrouten.

Mira wusste mittlerweile, dass all diese Fertigkeiten, die anderen Kindern so leicht zu sein schienen, ihrem Sohn sehr viel mehr Anstrengung abverlangten. Sie erinnerte sich an all die Therapien und die damit verbundenen Erwartungen. Es gab bestimmt nicht viel, das sie mit Leo nicht versucht hätten. Von Kinesiologie, Spieltherapie, Motopädagogik, Reflexintegration bis zum therapeutischen Reiten. Jedes mal dachte Mira, dass es DIE jetzt-wird-alles-gut-Lösung wäre. Aber wirklich sichtbare Fortschritte konnte sie nicht erkennen.
Sie hatte sich mit Ernährung und den Einfluss von Zucker, Laktose, Gluten und industriellen Zusatzstoffen usw. auf die kindliche Entwicklung beschäftigt. Der Fernseher wurde auf den Dachboden verbannt und sämtliches Bildschirmflimmern, gegen findige Leofinger, mit Passwörtern abgesichert. Sogar mit Schüsslersalzen, Homöopathie und Bachblüten hatte sie es versucht. Einen deutlichen Effekt bei Leo, konnte sie schlussendlich nicht feststellen. Nur ihr Sparkonto wies eine eklatante Veränderung in Richtung Null auf.

Und am Ende dieser Suche nach etwaigen Ursachen und Möglichkeiten der Entwicklungsförderung, stiess sie auf diese Ergotherapeutin mit Ausbildung zur sensorischen Integration.
Und wieder war sie voller Hoffnung, dass sie für Leo nun die optimale Therapie gefunden hatte. Und dass er in den Therapiestunden aufholen konnte, was ihm zum Entwicklungsdurchschnitt fehlte. Mira lachte laut auf in Erinnerung an all die vergeblichen Versuche und Hoffnungen.
Und einmal mehr fiel ihr ein, was die Ergotherapeutin gesagt hatte: Dass Leo für alle Schritte seine eigene Zeit brauchen würde und dass Mira damit rechnen müsste, dass wohl keine Sportskanone aus ihm werden würde. Dass die Ergotherapie seine Entwicklung unterstützen konnte, solange Leo gern kommen würde. Dass sie ihn aber nicht „normal“ machen könnte. Und dass es eine gute Idee wäre, Leo einfach so zu nehmen wie er ist und sich über jeden Fortschritt zu freuen.

So wusste Mira jetzt, dass jede Bewegung, die Leo aus Freude und aus sich heraus machte, ihm nützlich waren. Deshalb auch die Judostunden, die sich Leo selbst ausgesucht hatte. Und deshalb schickte Mira ihren Leo so oft als möglich nach draußen, um mit den Nachbarskindern oder Freunden herumzutoben. Deshalb ging Papa mit Leo an Wochenenden mit ihm klettern und deshalb gab es auch wieder öfter Kuchen und Kekse. Denn Leo liebte es, beim Backen der Nachspeisen die Kraft seiner Hände an Mürb- Germ- oder Strudelteig abzuarbeiten.

Und obwohl Mira das alles wusste, tauchten immer wieder diese Sätze auf „das müsste doch jetzt wirklich schon klappen“ oder „wenn Leo sich doch ein wenig mehr Mühe geben würde“ oder „schließlich ist er doch schon so und so alt“ und „das konnte Sophie doch schon im Kindergarten“ bis zu „jetzt iss doch mal anständig!“ Denn auch der zivilisierte Umgang mit Messer und Gabel war für Leo schwierig. Früher konnte sie kaum hinsehen, wenn Leo beim Essen war. Alles ermahnen, tadeln und anleiten hatte nichts gebracht, ausser Zoff und schlechte Laune als Tischnachbarn.
Bis Mira begriff, dass auch Essmanieren Übung brauchen. Manchmal deckte sie deshalb wie im Sternerestaurant für ein sieben Gänge-Menü auf, ein andermal gab es Sterz aus der Gemeinschaftsschüssel zum löffeln. Dann wieder asiatisch mit Stäbchen oder essen mit den Händen für Ritter und Knappen. Und im Alltag drückte Mira beide Augen zu und ließ Leo üben. Seither gab es wieder Genuss und Gespräche bei Tisch.

Trotzdem hatte Mira immer wieder ordentlich zu tun, um nicht die Geduld zu verlieren. Gebetsmühlenartig rief sie sich in Erinnerung was die Ergotherapeutin gesagt hatte: „Jedes Kind hat eben sein eigenes Tempo. Wir können da nichts beschleunigen oder überspringen, sondern bestenfalls ein Umfeld bereit stellen, in welchem die nächstbesten Entwicklungsschritte möglich werden können. Stress und Kritik würde Leo nur unter Druck setzen und das Problem verstärken.“ Das wusste Mira mittlerweile auch. Darum übte sie sich darin Geduld zu haben. Mit Leo und mit sich selbst.

Aber auch mit Meinungen von wohlmeinenden Menschen, wie zum Beispiel der Tante Therese. Die zwar selbst keine Kinder hat, aber immer genau wußte, was man tun oder lassen sollte. Oder die Nachbarin von gegenüber, die immer neue Ideen lieferte, welche Therapiemöglichkeiten Leo in seiner Geschicklichkeit sicherlich weiterbringen würden. Und dann war da auch noch Urgroßvater Friedrich, der immer betonte wie wichtig Disziplin, Strenge, Konsequenzen und Kompromisslosigkeit seien. Und dass man Leo diese „Lässigkeit“ eben nicht durchgehen lassen dürfe.
Anfangs war Mira durch all diese Meinungen und Ideen ziemlich verunsichert. Mittlerweile aber konnte sie sich ab und an, je nach Stimmungslage oder Zeitrahmen, die Empfehlungen anhören, das Thema wechseln oder sogar an einem Standpunkt mit einem „wie meinst du das?“, „warum glaubst du das?“ oder „aha so habe ich das noch nicht gesehen“ Interesse zeigen. Aber genauso oft zog sie sich mit einer Ausflucht und einem inneren, genervten „ja, ja, jaaaaa… is ja gut!“ aus der Affäre. Denn immer besser konnte sie sehen, was Leo gerade brauchte.

Mira nahm die Einkaufsliste und die Tasche, als Leo gerade wieder auf die Schaukel zusteuerte. Er setzte sich auf das Brett, drehte sich mit der Schaukel ein, bis die Seile über ihm eng verdrahtet waren und seine Fußspitzen gerade noch den Boden berührten. Dann hob er die Füße an und drehte sich wie ein wild gewordener Quirl in die Gegenrichtung. Dieses Spiel wiederholte er so oft, dass Mira beim Zusehen schwindlig wurde. Aber Leo gefiel das.

Mira nahm die Schlüssel und trat vor die Haustür. „Leo komm, jetzt können wir einkaufen fahren.“
„Na endlich!“ maulte Leo.
„Was hältst du davon wenn wir nach dem Einkaufen noch eine Stunde am Spielplatz vorbeischauen?“
„yipppiiiieeeee!“
„Ok, dann gibt es heute eben mal Pizza zum Abendessen.“