Warum ich Frau Squenz liebe

Darüber schreibe ich jetzt nur hier im Blog. Die Frau Squenz würde ich mit diesem Füllhorn an Liebeserklärungen nicht unbedingt überraschen, denn damit würde ich sie wohl in Verlegenheit bringen.

Was ich also wirklich an ihr liebe, sind natürlich ihre Geschichten. 

Gestern zum Beispiel, hat sie mir von ihrer Schulzeit erzählt: »Friara woan die Kinda in da Volksschul jo oitasmäßig gmischd. A jeda hod ebm a Aufgob kriagd, de zu sein Oita passd hod. Die Gscheidaran, oiso deijenigen dei a Freid mit da Theorie ghobd hobm, san daunn noch ocht Joahr aufs Gymnasium gaungan. Ned so wia bei da Reingard, dei ihrn Buam scho in da erstn Klass Volksschul am liabstn fias Gymnasium vorbereit hätt.«

Von der Frau Reingard und ihrem Sohn dem Ernstl, hat die Frau Squenz mir schon des öfteren erzählt. Eine traurige Geschichte, kann ich Ihnen sagen. Der Frau Squenz treibt das Erzählen der Ernstl-Geschichte auch regelmäßig die Tränen in die Augen. Obwohl sie sich immer gleich mit einem Schürzenzipfel über die Augen wischt, ist mir das nicht entgangen, wie sehr sie vom jungen Leben des Ernstl berührt ist. 

Aber die Frau Squenz wäre nur halb beschrieben, wenn ich ihren Humor außer Acht lassen würde. Ja, zugegeben, Ihr Humor ist manchmal schon etwas schräg, aber nicht selten haben mir gerade diese Sichtweisen so manche überraschende Erkenntnis beschert. 

Zum Ernstl hat sie mir einmal erzählt, wie schwer es für ihn war, nach der Schule eine Arbeit zu finden. Die Zeitungen und Medien waren damals gerade voll davon, dass es zu viele Jugendliche gibt die nicht arbeiten wollen. Die Frau Squenz hat mir dann erzählt, dass der Sozialminister sogar angekündigt hat: Jeder Jugendliche muss eine Ausbildung machen, damit die Wirtschaft genügend Arbeitskräfte hat. 

»Wer ned pariert kriagd ka Famülienbeihüfe mehr«, hat die Frau Squenz nacherzählt und dazu gemeint: »Bei di Öltan kaun ma jo ruhig Druck mochn, wal dei san jo erwochsn.« Ganz ehrlich? Da habe ich erstmal geschluckt. Die Frau Squenz muss das aber gesehen haben, denn gleich anschließend meinte sie dann: 

»Die Launghoorign woan zu meiner Zeit jo joahrelaung Hauptgesprächsthema in da Stroßnbaun. Dass sa si ned woschn, nix orweidn wulln und olle mitanaund a Rauschgift nehman. I kenn jo heid no vüle vun daumois und olle haums an guadn Beruf. Nur foid ma grod auf, launge Hoah hod fost kana meah.«

Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt meiner Liebeserklärung. Die Frau Squenz nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Dort, wo ich noch denke: Kann ich das wirklich so sagen? Wäre es vielleicht unhöflich? Würde ich damit jemand zu nahe treten oder vor den Kopf stoßen? – da sagt die Frau Squenz das was sie denkt. Man weiß also immer wie man mit ihr dran ist. Das finde ich wirklich sehr befreiend. Mit ihrer Offenheit ist sie mir stets ein großes Vorbild.

Die vierte Sache ist die, dass sie meine Herkunftssprache spricht – Sie haben sich das sicher schon gedacht – nämlich steirisch. Offen gesagt habe ich erst durch die Frau Squenz meine sprachlichen Wurzeln wiedergefunden. »Wia sul ma denn wo hinfindn, waunn ma ned waß wo ma herkumt.«, meinte sie dazu.

Und zu guter Letzt sind es ihre einfachen, bildhaften Lösungen die mich immer wieder in Erstaunen versetzen. So wie die Geschichte mit der Eieruhr, die Sie aber in einem der nächsten Blogartikel nachlesen können.

Ein rotes Herz


Übersetzungen:

Früher waren die Kinder in der Volksschule altersmäßig gemischt. Jeder hat eben Aufgaben bekommen, die zu seinem Alter gepasst haben. Die Klügeren, also diejenigen die am theoretischen Lernen mehr Freude hatten sind dann nach acht Jahren aufs Gymnasium gegangen.

Nicht so wie bei der Frau Reingard, die ihren Sohn am liebsten schon in der ersten Klasse Volksschule für das Gymnasium vorbereitet hätte.

Wer sich nicht beugt, bekommt keine Familienbeihilfe mehr.

Bei den Eltern kann man ja ruhig Druck machen, denn die sind ja erwachsen.

Die Langhaarigen waren zu meiner Zeit jahrelang Hauptgesprächsthema in der Straßenbahn. Dass sie sich nicht waschen würden, nicht arbeiten wollen und ausnahmslos alle Rauschgift nehmen würden, wurde gesagt. 

Ich kenne ja noch viele von damals und alle sind im Beruf erfolgreich. Nur fällt mir gerade auf, langes Haar hat fast keiner mehr.

Wie soll man denn irgendwo hin finden, wenn man nicht weiß wo man her kommt?