Mögen Sie Musik auch so gern wie ich? 

Also nicht nur Musik hören, sondern auch selbst musizieren?

Die einfachste Art Musik zu machen ist natürlich den eigenen Körper zu gebrauchen. Ich habe dazu schon ganz tolle Kompositionen gehört, deren Klänge ausschließlich mit Körperteilen fabriziert wurden. Solche rhythmischen, klangvollen Stücke haben ja in allen Naturvölkern und auch in der Steirermark Tradition und sind nach wie vor gebräuchlich und beliebt.

Die zweiteinfachste Art sich selbst mit Musik zu erfreuen ist Singen. Diejenigen unter Ihnen die mich kennen, wissen, wieviel Freude mir diese Beschäftigung macht. 

Nun werden Sie vielleicht sagen: Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, ich kann gar nicht singen!

Ja gut, kann sein. Aber haben Sie nicht auch schon einmal im Überschwang freudiger Gefühle und völlig von sich selbst befreit unter der Dusche vor sich hin geträllert? Oder im Auto, wenn niemand daneben sitzt den Lieblingssong vom Radio mitgesungen? Oder wenigstens in Erwartung eines großen Glücks frei improvisierend vor sich hingesummt?

Was ich aus eigener Erfahrung mit Sicherheit sagen kann: Singen macht glücklich! Das sagt übrigens auch die Frau Squenz mit der ich gerade hier am Waldrand auf der Bank sitze. 

»Wauns mia ned so guat geht, sing i afoch a liadl und scho bin i wida i.«¹ beteuert sie, nachdem wir zusammen gesungen haben. Vielleicht haben Sie uns sogar gehört?

Nach einer Pause – mit der Frau Squenz kann man auch gut schweigen und die Melodien nachwirken lassen – holt sie ihr kleines Instrument aus der Schürzentasche und spielt ein paar Gstanzln².

»So a Fotzhobl is scho praktisch, gö?«³ meint sie plötzlich.

»Fotzhobl! Meine Güte, wie lange habe ich dieses Wort nicht mehr gehört«, erwidere ich.

Die Frau Squenz schaut in die weite Ferne und ich kann in ihrem Gesicht beinahe sehen wie sich ein neuer Gedanke ausformt.

»Ois Kind hob i jo maunchmoi ghead – ziag ned so an Fotz. Oiso, waunn i schlimm woa.«⁴ Und ich erinnere mich auch an dieses Wort. Im Hochdeutschen würde man wahrscheinlich sagen: ›zieh nicht so eine Schnute‹. 

Was soviel heißt wie: Es nützt alles nichts – sei jetzt nicht trotzig.

Oder: Ich habe es dir ja gesagt, jetzt siehst du was du davon hast.

Oder: Da musst du jetzt selbst zurechtkommen. Da kann dir keiner helfen. Das hast du dir selbst eingebrockt. Da brauchst du dich gar nicht beschweren….

Gerade wollen mir noch weitere Deutungen einfallen, als mir wieder die Frau Squenz dazwischenfunkt.

»Und genau so a Fotz braucht ma jo a zum Spüln.«⁵ 

Stimmt, denke ich. Man spitzt den Mund locker über die Kanzellen der Mundharmonika und bringt mit dem Atem die Stimmzungen zum Schwingen.

»So a Fotzhobl is wia a glans Orchester. Und es passd ins glansde Schirznsäckl.«⁶ Die Frau Squenz dreht die Mundharmonika ehrfürchtig zwischen ihren Fingern. »Und ma braucht bloß a Melodie im Kopf und daunn quasi nua ein- und ausotman. Und wia beim Singan muaß ma hoid die richtign Töne treffn. Owa des is eh kloa.«⁷ Dann hebt sie das Instrument an den Mund und spielt ›Heissa Kathreinerle‹, was offensichtlich ihr Lieblingslied ist. Möglicherweise spielt sie es auch für mich, weil sie weiß, dass ich es auch gerne höre.

Inzwischen hat sich der Himmel rosa gefärbt und der Wind hat sich gelegt. Vielleicht aus Respekt über Frau Squenz musikalische Darbietung? 

Am Ende des Liedes sinniert sie wieder eine Sekunde der Ewigkeit vor sich hin, legt wieder die Mundharmonika an die Lippen und schließt mit freien Improvisationen an. Ich stehe auf, nicke ihr zu und gehe langsam nach Hause, weil ich weiß, dass diese Melodien privater Natur sind. 

Hausmusik

Übersetzungen:

¹”Wenn es mir nicht so gut geht, singe ich einfach ein Lied und schon bin ich wieder ich.”

²Volkstümliche Musikstücke

³”So eine Mundharmonika ist schon praktisch, meinen Sie nicht?”

⁴”Als Kind habe ich ja manchmal gehört: zieh nicht so eine Schnute. Also, wenn ich schlimm war.”

⁵”Und genau so eine Schnute braucht man zum Mundharmonika spielen.”

⁶”So eine Mundharmonika ist wie ein kleines Orchester. Und das Schönste ist, es passt in die kleinste Schürzentasche.”

⁷”Und man braucht bloß eine Melodie im Kopf und dann sozusagen nur ein- und ausatmen. Und wie beim Singen muss man eben die richtigen Töne treffen. Aber das ist ja klar.”