In meiner Kindheit wurde höchstens zum Wochenende gebacken und zu Feiertagen natürlich. 

Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass wir einmal Kuchen gekauft hätten. Nicht einmal einen Allerheiligenstriezel. Manchmal, aber sehr selten – bei Ausflügen in die Stadt – bekam ich beim Bäcker oder vom Marktstand eine Nusskrone oder ein Reingerl. Letzteres ist ein nicht allzu süßes Gebäck aus Germteig, zu einer Art Knödel zusammengerollt, mit Zimt und ein bisschen Honig zwischen den Schichten. Knusprig und sehr lecker. 

Aus dem Backofen meiner Mutter kamen vor allem Gugelhupf, Nuss-Strudel, Gewürzkuchen, herrliche Apfelstrudel und das einzigartige Osterbrot mit Kümmel und gemahlenem Fenchel. Zu Weihnachten war die Küche aber erfüllt vom Geruch nach Vanillekipferl, Zimtsternen, Früchtebrot und Weihnachtsstollen. Ich kann es heute noch riechen. 

Freilich habe ich selbst jahrelang gebacken. Meine einst schlanke Figur ließ dabei aber schön grüßen. Deshalb ist mein Backeifer über die Jahre beinahe zum Stillstand gekommen. Bis auf das traditionelle Osterbrot, auf das in meiner Familie niemand verzichten will. Gut, ab und zu auch noch ein Apfelkuchen. Das war es aber auch schon. 

Weihnachtskekse? Fehlanzeige! Denn erstens will ich nicht stunden- oder sogar tagelang am Backherd stehen und zweitens nicht Kekse bis zum Umfallen essen. Also kaufe ich für Heilig-Abend einen Teller voll mit Gebäck von guter Qualität und gut ist. Ausgenommen Vanillekipferl. Die müssen sein, sagt meine Familie. 

Die Frau Squenz macht sich für die Feiertage nebenbei gesagt auch immer Vanillekipferl. Das reicht ihr vollkommen, hat sie gesagt. 

Übrigens sind ihre Vanillekipferl beispiellos. Gestern durfte ich ihr sogar zusehen und helfen, weil ich nicht glauben konnte, dass sie nicht doch noch eine winzige Geheimzutat in den Teig mischt die nicht in ihrem Rezept stand.

»Daunn kumans hoid murgn vorbei bei mir. Kennans gern zuaschaun und kostn«¹, hat sie gemeint. 

Ich bin natürlich gekommen, habe gesehen und gekostet, gesiegt oder gar triumphiert habe ich nicht. Denn eine geheime Zutat konnte ich nicht entdecken und meine Vanillekipferl schmecken trotzdem nicht so wie die von der Frau Squenz. Kennen Sie das?

Dabei habe ich wirklich genau aufgepasst. Die Frau Squenz hat alles ganz genau so gemacht wie sie es mir aufgeschrieben hatte. Sie hat mir ja sogar ihre Tasse und den Löffel als Maßeinheit geliehen – denn Waage hat sie ja keine – weil ich den Verdacht hatte, dass die Mengenangaben nicht so ganz genau wären. 

»I moch des scho imma so. I kenn des goa ned aundas. Des hob I scho im klan Finga und die Kipfal wern a imma gleich guat«², meinte sie und bot mir eines der ausgekühlten Vanillekipferl an. Dann schob sie sich selbst eines in den Mund und schloss genießerisch die Augen. »Af den Moment gfrei i mi des gaunze Joahr. Owa die aundan kuman jetz bis Weihnochtn in die Speis.«³ Sprachs, drückte den Deckel auf die Blechdose und trug die Dose in die Kammer. 

Auf meine Frage ob sie sonst auch über das Jahr etwas backen würde, beantwortete sie mit einem Kopfschütteln. »Naa, des zoid si jo ned aus fia mi allanig.«⁴

Das konnte ich allerdings gut verstehen. Denn selbst zu dritt ist ein ganzer Kuchen oder gar eine Torte zuviel. Und wenn das unglücklicherweise auch noch gut schmeckt, weil ich nur lauter gute Zutaten verwendet habe, dann esse ich auch zuviel davon. Wäre ja schade darum.

Wie letzte Woche zum Beispiel, als ich nach vielen Kuchen- und Tortenlosen Jahren eine Wienerwälder-Brombeer-Torte gebacken habe. Mit Vollkornmehl und Haselnüssen und Eiern und Honig im Teig und viel Frucht und Schlagobers darüber. 

Weil nun wie schon gesagt eine ganze Torte auch für drei Genießer zuviel ist, habe ich auch der Frau Squenz ein Stück gebracht. Sie hat sich sehr darüber gefreut.

Und jetzt ist sie weg – die Torte. Beim nächsten Mal mach ich auf jeden Fall eine Kleinere. Und dem Geheimnis der Vanillekipferl von der Frau Squenz werde ich auch noch auf die Spur kommen. Obwohl – als ich sie von meinen Kipferln kosten ließ sagte sie: »San sea guat! Schmeckn hoid noch ihnan.«⁵ Hmmm … darüber muss ich jetzt nachdenken. 

Haben Sie nun auch auf Gebackenes Lust bekommen? Auf die Torte zum Beispiel? Schreiben Sie mir – dann bekommen Sie das Rezept für meine Wienerwälder-Brombeer-Torte!

Kekse ausstechen Nudelholz Zeichnung

 

¹»Daunn kumans hoid murgn vorbei bei mir. Kennans gern zuaschaun und kostn«

²»I moch des scho imma so. I kenn des goa ned aundas. Des hob I scho im klan Finga und die Kipfal wern a imma gleich guat«

³ »Af den Moment gfrei i mi des ganze Joahr. Owa die aundan kuman jetz bis Weihnochtn in die Speis.«

⁴»Naa, des zoid si jo ned aus fia mi allanig.«

⁵ »San sea guat! Schmeckn hoid noch ihnan.«