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Leo lernt Schule

Welche SchuleLeo war über seinem Heft zusammengesunken, wie ein nasses Kleidungsstück. Seine rechte Hand spielte mit dem Bleistift und sein ganzer Körper wartete auf die Pausenklingel. Zwischen seinen „M“ und „MAMA“ -Buchstaben dehnte sich die Zeit wie Kaugummi. Gerade dachte er, dass es doch nur mehr ein paar Minuten bis zur Pause sein könnten, da kam sie wieder. Die mahnende Stimme:
„Leo, setz dich anständig hin und und mach deine Aufgabe fertig!“ Leo rückte auf seinem Sessel hin und her, vor und zurück ‚Anständig…‘ hallte es nach und ‚Aufgabe…‘. Ja stimmt die Aufgabe, stöhnte Leo. Also versuchte er sich aufzurichten, schwankte dabei von einer Seite zur anderen und ließ schließlich seinen Oberkörper schwer über das Heft sinken.

Mit größter Mühe hatte er eine Zeile „Ms“ geschrieben und eine halbe Zeile „MAMAs“ wie seine Schrift unschwer erkennen ließ.
„Konzentriere dich doch!“ Hörte er wieder. Und er versuchte den Sinn dahinter zu begreifen… kon… konzentrie… konz…

Denn hinter ihm scharrten überlaut ein paar Füße und draußen hörte er eine schwere Autotür. Wahrscheinlich von einem Lieferwagen. Es wird etwas ausgeladen dachte er. Klang irgendwie nach Metall. Werkzeug… fiel Leo ein. Also wird wohl etwas repariert.
Da stand die Lehrerin plötzlich neben ihm und klopfte mit der Fingerspitze auf sein Heft. Dorthin wo Leo die restlichen MAMAs schreiben sollte.
„Komm schon Leo, schreib wenigstens die Zeile fertig.“
„Ich kann nicht mehr“ stöhnte Leo.
„Doch, doch bemüh dich ein wenig. Das geht schon noch.“
Also versuchte Leo erneut die verlangten Buchstaben hin zu malen. Aber beim zweiten M von MAMA verschwammen die Buchstaben auf dem Heft und die Hand mit dem Stift wurde bleischwer.

Und da waren wieder Stimmen auf dem Hof. Was sie wohl vorhatten? Wieder setzte er den Stift an, als sich das kkrrrsst, kkrrrst von seinem Bleistift spitzenden Nachbarn zwischen sein Schreibenwollen drängte. Irgend jemand hinter ihm machte nervige Geräusche und als er darüber nachgrübelte, was das sein konnte, hörte er Schritte draußen vor der Tür. Nein, eigentlich waren es mehrere. Ein scharfes Kläck, Kläck, Kläck… wie die hohen Absätze von Mamas Sandalen und wahrscheinlich zwei paar Füße mit festen Sohlen. Papas Bergschuhe klangen so ähnlich. Vielleicht waren das die Handwerker, dachte Leo. Viel lieber wäre er jetzt dort dabei gewesen, als diese dämlichen MAMA-Zeilen zu schreiben.

Schule hatte er sich wirklich ganz anders vorgestellt. Schrecklich gern wäre er jetzt am Teich, um die Frösche zu beobachten. Oder zu Hause um mit Benny Trampolin zu springen. Oder wie letzten Sonntag zum Beispiel, als er Papa helfen durfte das Motorrad zu zerlegen. Dabei hatte er sooooviiiiel gelernt. Über den Motor und welche Schraubenschlüssel für welche Muttern passen, wofür man einen Imbusschlüssel braucht, wie man Zündkerzen herausbekommt und welches Spezialwerkzeug wofür gedacht ist. Dorthin wünschte er sich… dringend!
Aber stattdessen saß er hier und sollte immerzu die gleichen langweiligen Buchstaben schreiben. Wieder setzte Leo den Stift an, als beim halben „A“ die Schulglocke die große Pause einläutete. „Endlich!“ stöhnte Leo und ließ den Stift fallen.

 

Lernen müssen oder wollen…

Mira - eine Mutter wie Du und ich - Riki WundererMira und Leo waren zu Besuch bei der Oma. Leo freute sich schon auf die Tiere und Mira brauchte dringend jemand zum Zuhören. Jemand, der nichts mit Schule, Lernen oder Hausaufgaben zu tun hatte. Da war die Oma, die bodenständige Mutter von Jan genau die Richtige.
Leo hatte sich mit einem Stück Kirschkuchen in jeder Hand schnell aus dem Staub gemacht. Und die beiden Frauen saßen nun bei Kaffee und Kuchen in der Küche.

„Wie war denn deine Schulzeit, Oma?“
„In der Volksschule?“
„Ja, schreiben und lesen lernen und so weiter. Wie war das für dich?“
„Na jaaa“ begann die Oma gedehnt „die ersten Jahre in der Volksschule waren nicht so lustig. Obwohl ich sagen muss, dass ich schon neugierig war. Ich wollte ja unbedingt schreiben und lesen lernen. Ich habe ja schon vor der Einschulung mit meiner älteren Schwester ein wenig geübt, so toll fand ich das. Ich kann mich genau erinnern, dass mir akkurat das kleine „r“ so gut gefallen hat.“ Oma lachte und legte dabei ihre Augenwinkel in feinverzweigte, lustige Fältchen.

„Und weißt du, zum lesenlernen hatten wir noch so einen Setzkasten. Darin gab es alle Buchstaben in mehrfacher Ausfertigung auf so kleinen Kartonplättchen. Und im Deckel konnte man sie dann auf den Treppchen zu Worten aneinander reihen. Das war lustig, das hat mir Spaß gemacht.“
„Und was war dann nicht so lustig?“
„Na ja, die Lehrerin war ziemlich streng und hat jede Menge Strafarbeiten verteilt. Ich hab sie nicht gemocht. Von Anfang an nicht. War nicht unbedingt meine schönste Zeit. Und ehrlich gesagt, hatte ich immer versucht so unauffällig wie möglich zu sein. Und das war gar nicht immer so einfach, das kannst du mir glauben. Vielleicht kann ich mich deshalb an nichts erinnern, was wir sonst so in der Schule gelernt hätten. Dafür weiß ich aber noch umso besser wie sich Schülerin sein dort angefühlt hat.“ Oma schien kurz in ihre Schulvergangenheit einzutauchen.

„Später dann, hatte ich tolle Lehrer“ fügte sie hinzu. „Das war eine gute Zeit. Sogar mit dem Rechnen ist mir dann der Knopf aufgegangen.“
Oma nahm die Kaffeekanne und schenkte sich nach. „Ja so war das. Willst du auch noch eine Tasse?“
„Nein, danke sonst kann ich dann nicht schlafen. Ehrlich gesagt bereiten mir die Schulprobleme mit Leo sowieso schon schlaflose Nächte. Dafür nehme ich mir noch ein Stück von deinem herrlichen Kirschkuchen.“ Mira griff nach der vollen Kuchenplatte und hielt kurz inne.

„Du meinst also, dass die Stimmung viel dazu beigetragen hat, ob das Lernen für dich leicht oder schwer war?“
„Ja sicher, freilich!“ meinte die Oma prompt. „Mit Angst und Stress lernt es sich schlecht. Da bin ich mir heute ganz sicher.“
„Und ich glaube schreiben und lesen hätte ich wahrscheinlich auch ohne Schule gelernt.“ Fügte die Oma schnell hinzu. „Da war ich einfach zu neugierig, da hätte mich nichts aufhalten können.“ Mit gerunzelter Stirn legte die Oma eine kurze Nachdenkpause ein.

„Mit dem Rechnen allerdings, hatte ich anfangs wirklich Schwierigkeiten. Da haben auch das ganze Üben und die Strafarbeiten nicht geholfen. Ich konnte einfach nicht dabei bleiben und hätte am liebsten sonstwas gemacht, als mit den Zahlen herum zu jonglieren. Ständig gerieten sie in meinem Kopf durcheinander, obwohl ich mich immer so bemüht habe. Erst in der Hauptschule ging das einigermaßen. Ich denke, vielleicht war das mit dem Rechnen bei mir eben erst später dran. Na ja, ein Rechengenie bin ich aber nie geworden. Aber für den Hausgebrauch reicht es schon.“

Die Oma lachte wieder, nahm eine Gabel voll Kirschkuchen und steckte den Bissen in den Mund. Dann wanderte ihr Blick zum Fenster hinaus, wo Leo mit der schwarz-weißen Katze auf dem Schoß saß und den Hühnern beim Picken zusah. Immer wieder zeigte er in Richtung eines Federviehs und schob wie die Hühner den Kopf vor und zurück. Irgendwie schien er der Katze die Hackordnung zu erklären.
„Der Leo ist schon ein ganz besonderer und schlauer Kerl. Schau mal, jetzt kräht er mit dem Hahn um die Wette.“ Lachte die Oma.
„Ja stimmt, schlau ist er und besonders auch. Aber was nützt ihm das, wenn ich keine Schule finden kann, in die er hineinpasst.?“ Mira stellte entmutigt ihre Tasse ab, aus der sie gerade getrunken hatte.

„Wir haben uns schon einige Alternativen angesehen und auch Schulen ausprobiert. Aber DIE richtige Schule für Leo haben wir noch nicht gefunden. Da wo er jetzt ist, geht es einfach gar nicht. Die Lehrerin macht Druck und sagt, dass Leo ja eigentlich klug ist und dass er sich halt mehr bemühen muss. Ich glaube sie sieht gar nicht, wie er sich anstrengt mit der Schreiberei. Ich sehe doch, Leo bemüht sich sehr. Wenn er nämlich von der Schule nach Hause kommt ist er so fertig, dass er bis zum Nachmittag zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Und dann soll er aber noch die Hausaufgaben machen und zusätzlich noch das, was er in der Schule nicht geschafft hat. Jeden Tag haben wir deshalb bis zum Abendessen Theater, wegen dieser Hausaufgaben. Das hat doch keinen Sinn, oder? Auf jeden Fall bin ich immer schon so froh, wenn das Wochenende endlich in Sicht ist.“ stöhnte Mira.

„Weißt du, wir haben uns jetzt fünf verschiedene Schulen angesehen. Darunter eine Waldorf- eine freie Schule – in welcher die Kinder jedes Jahr eine externe Prüfung ablegen müssen – eine Montessorischule und eine Was-weiß-ich-was-für-ein-Konzept-Schule. Leo hatte jedenfalls in zwei davon eine Probewoche. Und weißt du was er gesagt hat?“ Mira nahm mit einem Blick auf Omas Fragezeichen im Gesicht ein Stück Kirschkuchen mit den Fingern und fuhr fort:
„Mama, ich weiß ja nicht womit ich da anfangen soll. Weißt du, die haben dort so tolles Material zum Lernen und Begreifen, aber Leo verliert dort die Orientierung. Und ich muss dir nicht erzählen, dass ihm das ohnehin schon schwer fällt.“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, dass Leo eine gewisse Ordnung braucht und dass man ziemlich verlässlich sein muss. Wenn aber alles an seinem Platz ist, dann klappt es normalerweise ganz wunderbar mit dem Leo.
Wenn du mich fragst, so würde ich eher darauf schauen, ob die Lehrerin den Leo mit all seinen Macken und Unzulänglichkeiten auch mag. Eine, die ihn auch in seinen Stärken sieht und ihm für alles andere genügend Zeit lässt. Kinder sind halt verschieden und die wachsen eben nicht so, wie es der Schulplan angeblich vorsieht. Alles andere wird sich dann schon fügen.“

„Und hast du auch eine Idee, wie ich so eine Schule finden soll?“ Fragte Mira entmutigt.
„Nein, tut mir leid. Da kann ich dir auch nicht helfen. Aber da fällt mir noch ein, unlängst habe ich einen Bericht über Schule in Entwicklungsländern im Fernsehen gesehen. Und dort gehen viele Kinder offenbar gern in die Schule. Obwohl es dort kein tolles Material und kein großartiges Konzept gibt. Also trotz Frontalunterricht und so. Bei uns dagegen gibt es immer mehr Kinder die viel lieber Ferien haben, anstatt Schule. Sicher gibt es dafür mehrere Gründe. Aber ich könnte mir denken, dass es einen Unterschied macht, ob man lernen muss oder darf.“ Oma machte eine kurze Pause, sah in den Hof hinaus wo Leo flügelschlagend den Hühnern hinterher lief. Sie öffnete das Fenster und rief „Leo nicht gar so wild, sonst legen mir die Hühner keine Eier mehr! Komm her willst noch ein Stück Kuchen?“ Dann wandte sie sich wieder Mira zu.

„Wo war ich stehen geblieben?“
„Beim lernen müssen oder dürfen“ wiederholte Mira.
„Ja richtig. Meine Großmutter fällt mir da zum Beispiel ein. Sie hat mir mal erzählt, dass sie immer sehr froh war in die Schule zu kommen. Obwohl es damals ziemlich rüde zuging. Schule war kein Spaß nicht, hat sie immer gesagt. Denn wer nicht sofort folgte, zu langsam oder gar aufmüpfig war, der musste schon mal mit der Rute der Lehrerin rechnen. Oder auch den Rest der Stunde in der Ecke knien. Trotzdem ging sie gern in die Schule. Zum Teil natürlich, weil sie zuhause von kleinauf mithelfen musste. Und die Arbeit am Hof war damals schon hart. Aber auch, weil es so ein Privileg war schreiben und lesen zu lernen. Und zu Hause hätte ja keiner Zeit gehabt ihr etwas beizubringen.

Deshalb glaube ich, im lernen wollen oder müssen liegt oft der Hund begraben. Wenn Kinder wie der Leo sich auch in der Schule mit dem beschäftigen könnten, was sie wirklich interessiert, dann würden sie ganz automatisch auch mal zu dem kommen, was scheinbar nicht so gut geht. Weil irgendwann muss man zwangsweise immer und überall etwas aufschreiben, ablesen oder nachrechnen können. Wenn ich etwas bestimmen könnte, dann gäbe es wohl keine Klassen mit Gleichaltrigen, die im Stundentakt alle das gleiche machen sollen, sondern die Kinder könnten sich in gemischten Gruppen verschiedene Kurse aussuchen. Zum Geschichten erfinden zum Beispiel, oder Kochen, Rechnen, Malen, Tischlern, Fischen, Singen und so weiter. Aber mich fragt ja keiner.“ Oma hatte im Eifer ganz rote Wangen bekommen.

„Komisch, so etwas ähnliches hat der Leo auch gesagt, als ich ihn danach gefragt hatte welche Schule er sich eigentlich wünscht. Aber sowas gibts ja leider nicht.“ Mira seufzte auf und ließ den Kopf hängen.
„Also fürs erste reicht es wahrscheinlich, wenn du eine Lehrerin findest die den Leo mag und die das mit dem Lehrplan nicht ganz so eng sieht. Und mit der du auch gut reden kannst. Dann wird es schon gut gehen mit dem Lernen.“ Oma tätschelte Mira die Hand und nickte ihr ermutigend zu.
„Ja wahrscheinlich hast du recht“ seufzte Mira. „Also werden wir uns wohl weiter umsehen.“
„Du findest schon das passende für Leo, da bin ich mir ganz sicher. Und wenn es auch nicht das Idealste ist, es gibt schließlich auch noch ein Leben nach der Schule. Auch Lehrer können sich irren. Kannst mir glauben. Ich kenne viele, die angeblich Schulversager waren, oder sogar mittendrin rausgeflogen sind und dann aber im Leben sehr erfolgreich waren.“
„Und jetzt bin ich so vollgestopft mit Kirschkuchen, dass ich dringend Bewegung brauche.“
„Ja das stimmt“ willigte Mira ein „lass uns in den Wald gehen, Leo wird sich auch freuen.“