Für den nächsten Newsletter schreibe ich gerade eine Geschichte zu welcher mich – wieder einmal – die Frau Squenz angeregt hat. Letzte Woche sind wir nämlich in ihrer Hütte gesessen und haben entdeckt, dass wir eine gemeinsame Vorliebe mit dem Lesen haben: Märchen!

Ja gut, jetzt lese ich eher Romane oder wahre Geschichten. Als Kind aber habe ich Märchen geliebt und die Frau Squenz liest sie heute noch. Manche davon sogar mehrmals. Sie würde immer wieder etwas Neues herauslesen, meinte sie. Auf jeden Fall werden Märchen wohl immer aktuell bleiben und auch wenn sie immer wieder der Zeit angepasst werden, so sind sie wie eh und je beliebt. Man könnte nun ganz einfach sagen, dass es daran liegt, weil so schreckliche Geschichten wie beispielsweise die mit dem Wolf und den sieben Geißlein, Schneewittchen oder Rotkäppchen ja immer ein gutes Ende finden. Aber da stecken auch diese unausgesprochenen Botschaften darin. 

Manchmal führen wahre Heldengeschichten zum guten Ausgang zum anderen Mal ist es, wie zum Beispiel beim Rotkäppchen, pures Glück. Nicht selten aber findet vor allem eine Heldin durch die Errettung eines Prinzen ihr glückliches Ende. 

Gut, manchmal auch durch List oder kluge Voraussicht, aber das finale Glück scheint schlussendlich im Prinzen zu liegen.

Mir wäre das gar nicht so aufgefallen, hätte mich nicht die Frau Squenz darauf gebracht, als wir uns über mein bisheriges Lieblingsmärchen unterhalten hatten. 

»Stölns ihna vur, da Prinz hätt sie bei sein Fest fia a Aundare entschieden. Waradn jo sicha gnuag aundre schene Madln do gwesn zum aussuachn. Daunn hätt des Oschnputtl fian Rest vun ihrm Lebm die Oschn kehrn miassn.«¹ 

Natürlich habe ich mein bisheriges Lieblingsmärchen verteidigt. Es sei eben ihre Bestimmung gewesen und sie hätte auch starke Helfer gehabt. Und außerdem ginge es ja auch um ausgleichende Gerechtigkeit.

»Jo kaunn scho sein«, meinte die Frau Squenz, »owa wos hod denn des Oschnputtl fia des große Glick beitrogn. Mitn Prinzn hods taunzt. Und in Schuach hods a ned obsichtlich valuan. Woa oiso scho vü Zufoll dabei.«²

Mein Einwand, dass man manchmal auch etwas Glück zum Glück braucht, hat die Frau Squenz nicht sehr beeindruckt. Auch nicht, dass meine Heldenfigur sich ja jahrelang abgerackert hat und die Hochzeit mit dem Prinzen schließlich der Lohn für die ganze Schufterei und das Unrecht gewesen sei. 

»Waunn owa ka Prinz kumman warad, hätts ewig so weitagehn kennan«³, erwiderte sie nur. Da musste ich langsam einsehen, dass die ganze Geschichte ohne den Prinzen nicht viel Sinn machen würde. Natürlich habe ich überlegt wie Aschenputtel trotzdem zur Heldin hätte werden können:

Sie hätte zum Beispiel die Stiefmutter verklagen können. Wahrscheinlich hätte ihr das den Pflichtteil des Erbes eingebracht, aber sicher keineswegs eine Entschädigung für das erlittene Elend, das Leid und die Demütigungen. 

Sie hätte ihre Sachen packen und abhauen können. Ohne Ausbildung wäre sie aber sicher wieder irgendwo als unterbezahlte Hilfskraft gelandet. Vielleicht wäre sie sogar an einen Dienstherren geraten, der ihr das Blaue vom Himmel herunter versprochen hätte und  wäre dann am Ende als alleinerziehende Mutter wiederum arbeitslos geworden. Da war der Prinz wahrscheinlich schon die bessere Option. (Auch wenn das Märchen wenig darüber verrät wieviel Respekt und Autonomie er seiner Ehefrau zugesteht.)

Sie hätte die Stiefmutter wegen Kindesmisshandlung anzeigen können. Aber wer glaubt schon einem minderjährigen Aschenputtel, wenn die süßholzraspelnde Stiefmutter geschickt die Tatsachen zu verdrehen weiß? 

Oder wenn das Aschenputtel nur einmal soviel Wut im Bauch gesammelt hätte, dass sie ihr ungebremst hätte Luft machen können, dann hätte sie die Stiefmutter auch mit einem Handstreich umbringen können. Dann aber hätten auch die ein bis zwei Stiefschwestern das Zeitliche segnen müssen. Das wiederum wäre im Dorf bestimmt aufgefallen und Aschenputtel hätte sich schon eine sehr gute Geschichte ausdenken müssen, warum und wohin die Stiefverwandschaft verschwunden wäre. (Wie ich gerade feststellen konnte, werden nach offizieller Statistik über neunzig Prozent der Morde aufgeklärt.) Die Chance, dass ihre Tat unentdeckt bliebe, wäre also gering.

Sie sehen, dass Aschenputtel trotz vieler »hätte« auch ohne den Prinzen ein Heldinnenfinale erlebt hätte, ist unwahrscheinlich. So bleibt sie also nur durch das zu erleidende Ungemach und den glücklichen Zufall mit dem Prinzen eine starke Figur. Die Frau Squenz saß auf jeden Fall während all meiner laut überlegten Auswege Aschenputtel zur tätigen Heldin zu machen einfach nur da und grinste. 

»Mei Hödin is af jeden Foll die Gretl«, sagte sie schließlich zufrieden. »De braucht kann Prinzn. De rettet si ned nur söwa, sondan a ihrn Bruada und die gaunzn Kinda, de die Hex vazaubat hod.«⁴

So hatte ich die Hänsel und Gretel Geschichte noch gar nicht gesehen, dachte ich. Wo sie recht hat, hat sie recht, die Frau Squenz. 

Auf jeden Fall hat mich dieser Blick auf die Gretel dazu inspiriert diese Heldengeschichte neu zu erzählen. Ein Märchen für Erwachsene sozusagen. Habe ich Sie neugierig gemacht? Dann tragen Sie sich jetzt in meinen Newsletter ein. Die Geschichte kommt dann gratis mit der Weihnachtspost in Ihren Emaileingang. 

Aschenputtels Schuh Zeichnung

Übersetzung:

¹»Stellen Sie sich vor, der Prinz hätte sich bei seinem Fest für eine Andere entschieden. Es wären ja sicher genug andere schöne Mädchen da gewesen zum aussuchen. Dann hätte das Aschenputtl für den Rest von ihrem Leben die Asche kehren müssen.«

²»Ja kann schon sein«, meinte die Frau Squenz, »aber was hat denn das Aschenputtl für das große Glück beigetragen? Mit dem Prinzen hat sie getanzt. Und den Schuh hat sie auch nicht absichtlich verloren. War also schon viel Zufall dabei.«

³»Wenn aber kein Prinz gekommen wäre, hätte es ewig so weitergehen können«

»Meine Heldin ist auf jeden Fall die Gretel«, sagte sie schließlich zufrieden. »Die braucht keinen Prinzen. Die rettet sich nicht nur selbst, sondern auch ihren Bruder und die ganzen Kinder, die die Hexe verzaubert hat.«⁴