»Liebe Frau Squenz, von wegen Winterruhe. Bei mir ist gerade so viel zu tun, dass es mir schwer fällt an Ruhe zu denken. Die lange Kurzgeschichte musste endlich versandfertig sein, damit ich sie mit Weihnachtlichen Wünschen an meine Leserinnen und Leser schicken konnte. Mit dem Roman bin ich deshalb noch keinen Schritt weiter. Dabei wollte ich bis zum Jahreswechsel mit dem Rohmanuskript fertig sein und jetzt soll ich noch einen episch langen Jahresrückblick schreiben. Vom Blogartikel und Newsletter will ich noch gar nicht reden.«

»Des is jo ned so schlecht. I man zruck schaun, wos so passiert is in an Joahr. Ma vagisst eh vü zu schnö. I zum Beispü, schreib ma des wos ma gfoin hod, oda wos bsundas woa, hinten af die Kalendablattln.«¹ Sie stand auf und zeigte mir einen kleinen Tischkalender. Ein Werbegeschenk vom Rauchfangkehrer. Auf jedem Wochenblatt waren auf der Rückseite ein bis drei Einträge vermerkt.

›Sea große Radieschen geerntet‹² stand da zum Beispiel. Oder ein Blatt weiter ›Fux beobochted‹³.

Im August: ›Leit untahoidn bei da Lesung vun da Frau Wundara‹⁴. Im Oktober: ›Noamoi Auftritt bei da Frau Wundara, mit an Akkordeon-Spüla sogoa.‹⁵ Und gleich danach: ›Reise vun da Mur iwa die Donau zum schwoazn Meer. Mei woa des schen!!!’⁶

Natürlich habe ich gleich nachgefragt wie es ihr gefallen hat und ob es Bilder gibt oder ob sie sonst noch irgendwo Eindrücke aufgeschrieben hätte. Sie aber schüttelte energisch den Kopf. Mit einem Leuchten im Gesicht meinte sie: »Sowos bsundas muass ma ned aufschreibm. Sowos vagisst ma jo ned. Des is fia olle Zeit im Kopf einbrennt. Sowos mochd ma jo ah nua a moi im Lebm. Do kaunn daunn ah nix durchanaunda kumman mit da Erinnerung.«⁷

Dann ließ sie mich mit ihren Kalendereinträgen stehen, »kennans ruhig weitaschaun – san eh kane Geheimnisse drin«⁸ und setzte sich noch immer versonnen lächelnd zu ihrer Häkelarbeit. 

So etwas habe ich übrigens zum letzten Mal in meiner Volksschulzeit gesehen und damals auch selbst gemacht. Dickes Baumwollgarn in Rot, Blau und Weiss, abwechselnd in Rhombenform verhäkelt. Die drei Knäuel reichten für einen Topflappen und waren gemeinsam in einem Plastiksackerl verpackt. Wahrscheinlich, damit sich bei ersten Häkelversuchen nichts verheddert. Vielleicht auch, damit es die Handarbeitslehrerin leichter hat mit dem Erklären und Helfen. Denn ich erinnere mich, dass alle Mädchen (damals konnte man sich nicht vorstellen, dass sich Buben für derartigen Zeitvertreib interessieren könnten), dass also alle Mädchen nach der gleichen Vorlage und demselben Muster gearbeitet hatten.

Die Topflappen unterschieden sich am Ende nur durch die Regelmäßigkeit der Maschen oder eben dem Mangel daran. Manchen Exemplaren sah man auch deutlich an, dass an dem guten Stück mehr als zwei Hände daran gearbeitet hatten. Trotzdem wurden ausnahmslos alle – naja, bis auf jene die nie fertig geworden sind – in den Vitrinen der Schule ausgestellt. Die Frau Squenz ist in ihrer Schulzeit bestimmt unter den Besseren gewesen beim Topflappen häkeln. Wenn ich sie nämlich so beobachtete, dann musste ich anerkennend feststellen, dass sie das Häkeln im Ef Ef beherrscht. Sie sieht nicht einmal richtig hin. 

»Des hob i eh scho in die Finga. De wissn scho wos ztuan is. Do muass i goa ned mehr hinschaun«⁹, meinte sie gelassen.

Ich blätterte auf jeden Fall noch eine Weile in ihrem Kalender und entdeckte auch Einträge zu einigen Feiertagen im Jahr. Aber nicht nur zu den allseits bekannten, wie zum Beispiel Ostern, Weihnachten, Neujahr usw., sondern da gesellten sich auch ungewöhnliche bis sonderbare dazu. Tag des Streichholzes zum Beispiel oder der Zungenbrecher-, der Suppen- … Affentag oder sogar antworte-deiner-Katze-Tag. Dabei hat die Frau Squenz gar keine Katze. Also nicht, dass ich wüsste. Es kann natürlich sein, daß sie sich mit den Katzen aus der Nachbarschaft angefreundet hat.

»Ma muass die Feste feian wia sie foin«¹⁰, sagte sie nur und häkelte mit flinken Fingern vor sich hin. Ja, so kann man sich natürlich auch die Zeit lang machen, dachte ich und stellte den Kalender der Frau Squenz wieder an seinen Platz. 

Eine gute Idee übrigens, das mit dem Aufschreiben der besonderen, ungewöhnlichen und schönen Momente. In der Winterruhe, die für mich und vielleicht auch nicht für Sie so ruhig ist, wie die der Frau Squenz, hat man dann einen schönen Überblick was man im Jahr so erlebt hat. Ich mach das jetzt auf jeden Fall auch.

Zeichnung Topflappen häkeln mit rot-weiß-blauen Streifen

Übersetzungen:

¹»Das ist ja nicht so schlecht. Ich meine zurück schauen, was so passiert ist in einem Jahr. Man vergisst ja viel zu schnell. Ich zum Beispiel, schreibe mir das was mir gefallen hat oder was besonders war, hinten auf die Kalenderblätter.«

²›Sehr große Radieschen geerntet‹

³›Fuchs beobachtet‹

⁴›Leute unterhalten bei der Lesung von der Frau Wunderer‹

⁵›Noch einmal Auftritt bei der Frau Wunderer, mit einem Akkordeon-Spieler sogar.‹

⁶›Reise von der Mur über die Donau zum schwarzen Meer. Meine Güte war das schön!!!’

⁷»So etwas besonderes muss man nicht aufschreiben. So etwas vergisst man ja nicht. Das ist für alle Zeiten im Kopf eingebrannt. So etwas macht man ja auch nur ein mal im Leben. Da kann dann auch nichts durcheinander kommen mit der Erinnerung.«

⁸»Sie können ruhig weiterschauen – sind ja keine Geheimnisse drin«

⁹»Das habe ich ja schon in den Fingern. Die wissen schon was zu tun ist. Da muss ichi gar nicht mehr hinschauen«

¹⁰»Man muss die Feste feiern wie sie fallen«