Obwohl ich von Anderen sehr oft als überaus geduldig beschrieben werde, gestehe ich jetzt und hier: ich bin mit Bestimmtheit der ungeduldigste Mensch den ich kenne. Wenn ich den Anschlag für einen Pullover stricke, sehe ich mich bereits die letzte Naht vernähen. Setze ich ein Samenkorn in die Erde, sehe ich täglich nach, ob denn schon etwas zu sehen ist. Obwohl auf dem Tütchen eine Keimzeit von mindestens einer Woche angegeben ist. Wenn ich einen Spaziergang mache, dann will ich im nächsten Moment schon zu Hause sein, um eigentlich was zu machen? Und wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe, dann würde ich bevor ich auch nur angefangen habe, am liebsten den finalen Ende-Punkt gesetzt haben. 

Vielleicht ist es aber gar nicht Ungeduld die mich antreibt, sondern die pure Neugier?

Eines weiß ich mittlerweile aber sicher. Also ziemlich sicher. Zumindest beim Schreiben.

Dass mich die Entwicklung einer Geschichte und das Wort für Wort und Buchstabe um Buchstabe zu Papier bringen, mich auch Geduld lehrt. Mich innehalten lässt im Jetzt und dem was jetzt möglich ist.

Gestern bin ich der Frau Squenz begegnet. Oben im Wald habe ich sie entdeckt, als sie Reisig und Fichtenzapfen gesammelt hat. »Des is guat zum untazindn und riachd ah no guat!«¹, meinte sie und ich dachte plötzlich, dass die Frau Squenz soviel mehr Zeit zu haben scheint. Und dass mit soviel mehr Zeit eigentlich gar keine Ungeduld aufkommen könne. 

Um das herauszufinden bin ich mit ihr mitgegangen. In ihrer Hütte hat sie das frische Heizmaterial in den Korb neben dem Ofen geschüttet. Dann legte sie zwei trockene Zapfen und ein paar Holzscheite nach und schon flackerte das müde gewordene Feuerchen auf und fraß sich knisternd und knackend durch das nachgelegte Futter.

»Megns an Brotopfl?«², riss mich die Frau Squenz aus der Feuerbetrachtung. Ich mochte natürlich und während die beiden Äpfel auf der gusseisernen Herdplatte zu brutzeln und tanzen begannen, erzählte ich ihr etwas beschämt von meiner Ungeduld. Auch von meinem Verdacht, dass man mit einem einfachen Leben, das scheinbar soviel mehr Lebenszeit bietet, gar nichts mit diesem Begriff anfangen könne. 

»Hmmm« machte die Frau Squenz und drehte die Äpfel herum, damit sie auch von der unteren Seite her gebraten würden. 

»Oiso i kenn do scho ah wöche, des ned dawoatn kennan. Die Reingard zum Beispü. Kaum hod sa si hinghockt, wüs scho wieda furt. Owa Zeit hods eigentlich gnuag.«³

Also gibt es wohl doch keinen so großen Zusammenhang zwischen Ungeduld und Zeit dachte ich. 

»Maunchmoi bin i scho ah ungeduldig. Waunn si die Sunn goa so laung vasteckt. Oda waunn i af a schene Post woat.«⁴

Die Frau Squenz nahm die fertigen Äpfel vom Herd, die mir mit ihrem süß, säuerlichen Aroma schon die ganze Zeit den Mund wässrig gemacht hatten. Sie legte sie in ein geblümtes Kompottschüsserl und stellte eines davon vor mich hin.

»Obacht, is no hoass!«⁵, warnte sie mich. »Waunn i ungeduldig bin, daunn schau i durt beim Fensta aussi.«⁶, zeigte sie auf jenes Fenster, von welchem man über die Wiesen hinweg den Blick über vereinzelte Apfelbäume bis zum Wald schweifen lassen konnte. Ich stellte mir gerade vor, dass dieser Ausblick zu jeder Jahreszeit geeignet sein konnte die Ungeduld dort hinausgehen zu lassen. Sogar jetzt, da die Wiesen noch braun, die Bäume kahl und der Wald in den Wipfelregionen durchscheinend waren, da fügte die Frau Squenz noch hinzu:

»Wal fia Ungeduld hob i ka Zeit.«⁷

Das ist auch eine interessante Sichtweise, dachte ich überrascht. Denn natürlich kostet es doch Zeit dort hinaus den Fenstergucker zu mimen. Andererseits aber ist Zeit, die ich ohne diesen Antreiber ›Ungeduld‹ verbringen kann … ja was eigentlich? Besser? Stiller? Gelassener? Lebenszeit? Vielleicht ja von allem etwas.

ein Apfel und zwei Fichtenzapfen

Übersetzung:

¹»Das ist gut zum anzünden und riecht auch noch gut!«

²»Wollen Sie einen Bratapfel?«

³»Also ich kenne da schon welche, die es nicht erwarten können. Die Reingard zum Beispiel. Kaum hat sie sich hingesetzt, will sie schon wieder fort. Aber Zeit hat sie eigentlich genug.«

⁴»Manchmal bin ich schon auch ungeduldig. Wenn sich die Sonne gar so lange versteckt. Oder wenn ich auf eine schöne Post warte.«

⁵»Achtung, ist noch heiß!«,

⁶»Wenn ich ungeduldig bin, dann schaue ich dort beim Fenster hinaus.«

⁷»Denn für Ungeduld habe ich keine Zeit.«