Der erste Zungenbrecher ist mir als Kind vorgesagt worden: Fischers Fritz fischt frische Fische …. Kennen Sie sicher, nicht wahr? 

Was sie bestimmt auch kennen, ist dieses Stolpern und Verhaspeln dabei und immer wieder neu beginnen und immer besser werden, bis es endlich schnell und ohne Pausen klappt. 

Die Zunge bricht natürlich nicht, aber da ist dieses deutliche Zeichen des sonst so geschickten Körperteils, dass es nicht macht was ich will. ›Fischers Fritz‹ ist dabei, zumindest für mich, ein besonders schwierig zu beherrschendes Beispiel. Da purzeln die ›tz – sch – scht‹ nur so durcheinander, dass es die reine Freude ist. Bis jetzt bringe ich den ersten Satz fehlerfrei hin, muss dann aber kurz nachdenken wie es im zweiten Abschnitt weitergeht, weil ich im ersten Teil so konzentriert dabei bin keinen Fehler zu machen, dass ich den Anschluss nicht mehr finden kann. 

Wie oft beim Auswendiglernen, übe ich dann was ich schon kann. So schaffe ich mir unbewusst ein Erfolgserlebnis und kann der Frustration die Aufgabe nicht hinzukriegen aus dem Weg gehen. 

»Fia mi is es anfoch nua a Spülarei«¹, sagte die Frau Squenz und präsentierte mir ihren Lieblingsspruch:

»Faungd da ane Knedl zum siadn aun und da aundre Knedl der siad scho

Sogd da ane Knedl zum aundan Knedl schau wia dea schen siadn kaunn.«²

Das ging ihr so rasch und kunstfertig von den Lippen, dass ich dreimal um Wiederholung bitten musste, um zu begreifen worum es bei diesen Knödel-Sätzen überhaupt geht. Klar habe ich es dann auch versucht, bis es nach einigen Fehlversuchen endlich geklappt hat. Nicht so schnell wie die Frau Squenz das kann – aber immerhin. Ich bin mir sicher, es ist nur deshalb gelungen, weil mich die Frau Squenz mit ihrer Spiellaune angesteckt hat und wir darum eine Menge Spaß hatten mit diesem Spruch.

Hätte ich das seinerzeit für die Schule lernen und vortragen müssen, glauben Sie mir, das wäre ein Desaster geworden. Ungenügend – fünf – setzen! Sie wissen schon. Zu dumm, dass mein Gehirn dabei mitgelernt hat: Wenn ich etwas Neues lerne, muss ich das sehr gut machen und auf keinen Fall dürfen Fehler passieren. Auf gar keinen Fall, denn das wird schlecht bewertet. Meine Leistung und ich natürlich auch. So gehe ich manchmal bis heute noch mit einer Portion Stress in den ersten Versuch. Ist ja klar, dass es dann schief geht, sagt mein Verstand.

»Des muaß ma ned so ernst neman«𝟹³ sagte die Frau Squenz und fixierte eine lästige Fliege, die in ihrem Blickfeld herumschwirrte. Plötzlich schnellte ihre Hand wie die Zunge eines Chamäleons nach oben, schnappte sich das geflügelte Insekt, zerdrückte es in der Faust und ließ es auf den Boden fallen. Anschließend wischte sie sich die Hand an der Schürze ab. Meinen erstaunten Blick quittierte sie mit einem grinsenden »glernt is glernt.«⁴

»Ja, ja«, sagte ich, »wenn das immer so leicht wäre.« 

»Waunns af di ane Duur ned geht, daunn probier is hoid aundas.«⁵ 

Auch das versuche ich – manchmal gelingt es besser, mal weniger gut. Es ist eben immer davon abhängig wie entspannt ich die neue Herausforderung angehen kann. Und sei es auch nur ein Zungenbrecher. 

Eigentlich müsste ich dann ja nur mal kurz prüfen auf welchem Gemütslevel ich aktuell unterwegs bin und mich dann entscheiden ob das mit Etwas-Neues-Lernen zusammenpasst. Mache ich normalerweise aber nicht. Genau gesagt fast nie nicht. Deshalb bleibt mir dann nur Versuch und Scheitern und nochmal Versuch, bis es endlich klappt.

Als Kind hatte ich damit kein Problem, sonst könnte ich heute nur stolpern statt laufen und reden und schreiben wohl auch nicht. Die Frau Squenz meinte, es könne nicht schaden ab und zu kindisch zu sein und gab mir zu diesem Zweck einen weiteren Spruch zum Lernen mit:

»A Floh und a Fliagn san sehr schwer zum kriagn

Hätt da Floh d’Fliagln vun da Fliagn wara no vü schwera zum kriagn.«⁶

Wie die Frau Squenz das mit den Fliegen geregelt bekommt habe ich mitbekommen und das mit dem Kindischsein auch. Ich gehe jetzt üben. Also beides! Den Zungenbrecher und kindisch sein.

Goldmedaille gezeichnet

Übersetzung:

¹»Für mich ist es einfach nur eine Spielerei.«

²»Fängt der eine Knödel zu sieden an und der andere Knödel der siedet schon – sagt der eine Knödel zum anderen Knödel, schau wie der schön sieden kann.«

³»Das muss man nicht so ernst nehmen«

⁴»gelernt ist gelernt.«

⁵»Wenn es auf die eine Tour nicht geht, dann probiere ich es halt anders.«

⁶»Ein Floh und eine Fliege sind sehr schwer zu kriegen, hätte der Floh die Flügeln von der Fliege wäre er noch viel schwerer zu kriegen.«